Vor diesem Buch muss gewarnt werden. Es kommt auf derart hohem stilistischen wie intellektuellen Niveau daher, dass es allein durch seine Qualität – verächtlich unpolemisch – den Tand der applaudierten Animationsliteratur beiseite wischt.

Man kennt ja den Ton des jetzt 52-jährigen Kurt Drawert, dessen Gedichte eingestimmt waren auf eine ganz besondere Wortmelodie, Mischung aus Trauer, Hohn und Abschied ins Einsame: "Die Engel des Glücks, / Zentimeter für Zentimeter / gehen sie von mir." Gedankt hat ihm das der Kulturbetrieb, vernarrt in die jeweilige Saisonbeliebigkeit der literarischen Kurzwarenproduktion, nicht. Drawert – obwohl seine Lyrik übersetzt und seine Prosa mit diversen Preisen ausgezeichnet ist – wird seit geraumer Zeit in die unbehagliche Ecke "Geheimtipp" abgeschoben; noch im Juli zählte die FAZ anlässlich der neuen Vergabe die bisherigen Träger des Uwe-Johnson-Preises auf – Kurt Drawert, der diesen Preis 1994 erhalten hat, fehlte.

Nun also ein Roman (nicht mehr bei Suhrkamp, wo Drawerts Bücher bis dato erschienen sind). Diese Prosa ist von einem geradezu bestürzenden Anspruch; sie versucht in immer neu ausschwingenden Satzgirlanden das selbst gestellte Gebot einzuhalten, "nach einer Sprache zu suchen für die Geschichte am anderen Ende der Wirklichkeit". Das ist die eine grandiose Seite dieses Kunstwerks: Der Autor bildet Welt nicht ab, sondern erschafft mit seiner Sprach-"Kunst der Fuge" eine ganz eigene, nichtrealistische Welt; er selber ist, und damit wir alle, "als Staub der Geschichte, mit Sprache vollgesudelt, ach wäre ich doch besser gar nicht zu Bewusstsein gekommen und blind verborgen in einem Winkel zum Sterben geblieben. Doch ist auch eine kleine, verborgene Würde in mir wie eine letzte bare Münze in einem leeren Portemonnaie."

Drawert ist also eher ein Schüler Flauberts (über den er gearbeitet hat) als Balzacs. Doch helfen die obligaten Vergleiche – etwas Hermann Kasack, etwas Werner Hilbig – nicht weiter zum Verstehen des unheimlichen Sklavenuniversums, in das der Leser eingetaucht wird. Weltlos nämlich ist der Roman nur im Sinne eines Realismus, der Fragen nach dem Wer, Wo, Wann, Wie, Warum beantworten will. Im Sinne der großen Verwerfung, eines fast mittelalterlich dräuenden taedium vitae, ist der Roman von giftiger Welthaltigkeit. Es ist das Inferno der von einer Diktatur Zermalmten, die gespenstische Unterwelt der von einer Gesellschaft Ausgestoßenen, die Denken verbietet, Lesen zum Verrat erklärt und das Individuum per se zum Verräter. Kurz: Es ist die vor kaltem Zorn klirrende Abrechnung Drawerts mit der DDR. Claus Offe nannte sie noch jüngst "ein autoritäres staatssozialistisches Regime mit ausgeprägt menschen- und gedankenfeindlichen Zügen". Nun geht es hier nicht nur um eine politische Diskussion (ich selber wäre weniger rigide als Kurt Drawert) – es geht darum, ob beziehungsweise dass einem Schriftsteller das Zeichnen eines Pandämoniums von Wahn, Verachtung und Verbrechen gelungen ist.

Tief unten in den Höhlen eines Menschenbrecher-Systems

Die grausige Unterwelt der zu Asseln und Lurchen Verurteilten, irgendwo tief unter der Erde, Kriechtiere, die nur wissen: "keine Hoffnung zu haben garantiert das Überleben" – diese schlechthin bedrückende, den Atem zusammenpressende Gegenwelt zu der herrschenden der Schreibtisch- und Aktentaschenkommandeure ist ein einziger Anklageschrei – und ein groß komponiertes Gemälde des Terrors. Irgendwo tief unten in den Höhlen, die ein Menschenbrecher-Regime wie ein Röhrensystem aus glitschigen Gängen gegraben hat, "der Fußboden bedeckt von einer schwarzbraunen Mixtur aus Schmieröl und Abfallprodukten", existieren die Verdammten, an sinnlosen Maschinen hantierend, hoffnungslose Botschaften "nach oben" sendend, zerknackte Läuse, aus deren Blut Farbstoff für die Banner des Fortschritts gewonnen wird: "Nicht selten aber kam er verdorben zurück, das heißt mit Hoffnungen auf dieses und jenes. Dann ging die ganze Abrichtungsprozedur von vorn los, bis der an Hoffnung Erkrankte wieder frei und gesund war, frei von Hoffnung und gesund wie eine Wildsau in ihrer Suhle. Denn nichts war so schädlich und so gefährlich wie Hoffnung."

Wer ist dieser "er"? Souverän wechselt der Sprachkünstler die Perspektive – mal Dialog der Entrechteten, mal Elendsbericht, mal ein vage mit dem Autor zu identifizierendes "ich": "Wenn ich in meinem Verhau auf und ab ging, schlurfte das Nummernschild über den Boden. Es klang wie der Schrei einer Katze. Große Katzenkonzerte, wenn alle in ihrem Verhau auf und ab gegangen sind. Dann wieder Stille, bis ich das Rauschen meines Blutes hörte. Dieses Geräusch war die Geschichte des Tages. Hätte ich eine Sprache gehabt, wäre es vielleicht zu beschreiben gewesen. So blieb es eine Spur des Verschwindens."