Redmond Hatch lebt in Parallelwelten. Einerseits bastelt er als irischer Provinzjournalist an einer Karriere in der Großstadt, träumt von der Gründung einer Familie, will mit dem Rest Irlands in eine geschniegelte Zukunft aufbrechen. Andererseits wird er seine Herkunft vom Lande nicht los, nicht seine Geschichte als Waisenkind und nicht die Abgründe seiner Vergangenheit.

Er schwelgt im kitschtriefenden Glück mit Catherine, die zwanzig Jahre jünger ist als er, aber ihn makellos liebt und nie verlassen wird. Gleichzeitig steht er im Bann des alten Ned Strange, eines "wilden, rauen Gesellen vom Berg", der ihm gruselige Geschichten erzählt, Geschichten voller archaischer Brutalitäten und faszinierender Lügengespinste. Redmond säuft mit dem "lieben alten Pappie" die Nächte durch, dann kehrt er heim in die moderne Welt und schreibt anheimelnde Berichte über ländliche Folklore. Den alten Pappie Strange baut Redmond zum Sinnbild all des Wahren und Unverfälschten auf, das dem modernen Irland abhanden gekommen ist.

Dummerweise bricht dieses Lügengebäude zusammen, als bekannt wird, dass der "liebe alte Pappie" keineswegs der harmlose Aufschneider ist, als der er auftritt: "Offenbar hatte er sich im Duschraum der Haftanstalt Arbour Hill erhängt, wo er wegen sexuellen Missbrauchs und Mordes an einem Jungen eingesessen hatte." Redmond flucht auf den Alten, und der rächt sich, indem er ihn als Geist heimsucht. So setzen sich die schon zuvor oft albtraumhaften Gespräche fort, und wie zuvor schwankt Redmond zwischen Abscheu und Faszination.

Aber er ist jetzt nicht mehr Redmond Hatch, sondern Dominic Tiernan, ein Mann ohne Vergangenheit, der nach einer Durststrecke im Männerwohnheim zu reüssieren beginnt – im einen Teil dieser neuen Parallelwelten als Fernsehfilmer, der eine unglaublich verständnisvolle Frau gefunden hat ("Manchmal schlafen wir nicht mal miteinander"), im anderen als Taxifahrer, der immer dann, wenn ihm danach ist, das Haus einer gewissen Catherine ausspäht. Redmond Hatch ist tot; zwar hat man seinen Leichnam nie gefunden, wohl aber am Strand den Kleiderhaufen, den er sorgsam abgelegt hat. Jener Kleiderhaufen wiederum markiert das Ende eines Zwischenspiels in London, wo Redmond und Catherine eine glückliche Familie waren, bis Redmond seine Frau mit einem Mann im Bett erwischte und so weiter.

Was Patrick McCabe uns hier auftischt, erzählt aus der unzuverlässigen Perspektive seines faktenverdrehenden Helden, ist wahrlich keine literarische Schonkost. Heimat ist Fessel, Familie ein Zwangssystem, Liebe im besten Fall eine kitschige Projektion, Kindheit eine Abfolge von Demütigungen und Versehrungen – wenn es das nur wäre, wäre es halb so schlimm. Aber Redmond dreht diese Schreckensdefinitionen um, er redet um die Bestialitäten, von denen er erzählt, so lange herum, bis er sie wieder zu Wohltaten und Glückseligkeiten umgewertet hat. Tötung als Liebesbeweis – indem Redmond die Werte und Normen seines Denkens und Handelns radikal umwandelt, verwandelt er sich selbst in ein Spiegelbild des von ihm hassgeliebten Ned Strange. Becketts Landstreicher Molloy und Moran linsen durchtrieben um die Ecke.

Patrick McCabe lässt mit Winterwald endlich die Folklorismen hinter sich, mit denen er lange gekämpft hat. In Winterwald weicht das Rabaukentum wohlig-schauriger ländlicher Schurken, das seine letzten beiden auf Deutsch erschienenen Bücher verdarb, der eisigen Berechnung selbstgerechter Täter. Dieser aus lauter Lügen gebaute Roman nähert sich auf intensive Weise der Wahrheit, die hinter aller Literatur lauert.