Presseberichte über Schadensfälle habe ich bisher immer mit einer Mischung aus Kopfschütteln, Entsetzen und Amüsiertheit gelesen. Was man dabei manchmal über Versagensursachen, sogenannte Materialermüdung (neulich sogar ein "Schwungriss" in der Tagesschau), Spekulationen über hundertprozentige Sicherheiten und sonstigen Technikverschnitt lesen kann, zeichnet sich im günstigsten Falle durch Unkenntnis, im schlimmsten durch Panikmache aus. Kein Wunder also, wenn derart informierte Fahrgäste und Flugkunden auf ein "mit Rissen leben" eher mit Fassungslosigkeit reagieren.

Welch eine wohltuende Ausnahme stellt da Ihr Beitragdar, der sich nicht nur durch Sachkunde auszeichnet, sondern durch seine präzise wie verständliche Darstellung auch geeignet ist, die öffentliche Diskussion um Sicherheitskonzepte, Inspektionsintervalle, technische Risiken und Möglichkeiten der Schadensvermeidung auf eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu stellen. Es ist zu hoffen, dass sich diese Gedanken, die in der Flugzeugindustrie seit den Comet-Unfällen zur Entwicklung und Etablierung der "schadenstoleranten Auslegung" geführt haben, auch in anderen Bereichen des Transportwesens verankern. Die finanzielle Förderung einschlägiger Forschungsprojekte durch die Bahn, die nach dem Unglück von Eschede einsetzte, ist allerdings im Laufe der Jahre bei abnehmendem "Leidensdruck" und öffentlichem Interesse versiegt.

Schauen wir mal, ob sie jetzt wieder auflebt. Sicherheit darf auch im Angesicht eines beabsichtigten Börsengangs nicht auf dem Altar der "Wirtschaftlichkeit" geopfert werden.

Prof. Wolfgang Brocks, Geesthacht