Außer Laura Bush hat für den scheidenden US-Präsidenten im Moment wohl kaum jemand gute Worte. Und doch lohnt es sich für Europa und vor allen Dingen für Deutschland, einen Augenblick darüber nachzudenken, was es diesem Mann verdankt. "Verdankt" nicht im Sinne eines katastrophalen Kriegseinsatzes, einer fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik oder eines Staatsbesuches in Deutschland vor gar nicht langer Zeit, der das Rhein-Main-Gebiet lahmlegte und seine Bewohner de facto dazu zwang, in die innere Emigration zu gehen.

Europa und vor allen Dingen Deutschland verdankt George W. Bush den Mut zum Alleingang, die Fähigkeit, nach über 50 Jahren der special relationship und der politischen und militärischen Abhängigkeit im Kalten Krieg zum ersten Mal dem guten Freund die Stirn zu bieten und ausdrücklich sich von diesem zu distanzieren. Das Nein von Gerhard Schröder zum deutschen Kriegseinsatz vom September 2002 hat insofern sehr viel weittragendere ideologische Bedeutung, als es die Polemik des damaligen bundesrepublikanischen Wahlkampfes vermuten ließ, ebenso wie jenes "I don’t think so" seitens Joschka Fischers in den Vereinten Nationen.

Die besten Freunde sind schließlich die, mit denen man sich auch streiten kann. Das setzt eine Äquivalenz in der Beziehung voraus. Ob das neue Selbstbewusstsein lange trägt, daran mag man zweifeln; die gegenwärtige innereuropäische Politik der zähen Auseinandersetzung um Subventionen, Standards und Gesetzestexte entmutigt so manchen Beobachter: Diplomatie ist ein hartes Geschäft.

Im Spannungsfeld zwischen Jubel um den US-amerikanischen Wahlausgang und innereuropäischen Spannungen besteht für Deutschland und Europa die wirkliche Probe darin, dass es nach dem 4. November nicht vergisst, wo es steht und wie es seinem neuen Freund gegenübertreten kann.

PD Dr. Jessica C. E. Hecht, Wiesbaden

Werner Heisenberg Fellow, Zentrum für Nordamerikaforschung, Goethe-Universität Frankfurt am Main