Es war zu erwarten. Nachdem mit der Bestürzung über das Ausmaß der Finanzkrise Kapitalismuskritik kurzzeitig ihren Weg selbst in die ZEIT fand, muss der Begriff, das heißt das Denken in solchen Kategorien, schleunigst wieder entsorgt werden. Verstieg man sich vorübergehend sogar dazu, nach Demut bei den Verursachern der Krise zu rufen, um so vom Strickfehler im System abzulenken und die Massen mit dem Bild vom Bankmanager im Büßergewand fürs Erste ruhigzustellen, so scheint nun ein Zurückrudern auf der ganzen Linie angesagt.

Dank sei Josef Joffe, der als Erster in die Bresche springt. Frei nach dem Motto "War da was?" beeilt er sich, seiner verdutzten Leserschaft zu erläutern wie perfekt "der" Kapitalismus bewacht werde und dass es eh keine Alternative zu ihm gebe: Auf dass wir alle wieder in unseren von Politik und Medien so lange schon erfolgreich gepredigten Dämmerschlaf der "erlernten Hilflosigkeit" verfallen und schweigend die Zeche zahlen.

Doro Mayer-Hauth, Hamburg

Der Kapitalismus westlicher Prägung gerät unter Beschuss; selbst das Flaggschiff FAZ ist offenbar nicht mehr ganz linientreu – wie gut, dass es ritterliche Geister wie Herrn Joffe gibt, die dem Bedrängten beispringen.

In seinem Eifer übersieht er dabei aber Entscheidendes: 1. Einen einheitlichen westlichen Kapitalismus gibt es gar nicht. Was der Autor als eine angeblich von Berkeley bis Berlin universell gültige Definition des Begriffs vorschlägt, würde wohl in Berkeley eher als Synonym für Sozialismus gelten und wäre vermutlich nicht einmal innerhalb Europas konsensfähig. 2. Anders als im 19. Jahrhundert sind es nicht in erster Linie die sozialen Widersprüche, die heute die Kapitalismuskritik beflügeln, sondern gewissermaßen der mathematische Grundwiderspruch einer auf permanentem exponentiellem Wachstum basierenden Wirtschaftsweise in einer Welt, deren Ressourcen wir immer deutlicher als begrenzt erkennen.

Die Freiheit, die der Kapitalismus schenkt, ist daher nicht mit politischer Freiheit zu verwechseln, sondern eher vergleichbar mit der Freiheit des begeisterten Autofahrers, auch bei hohen Benzinpreisen weiterhin aufs Gaspedal zu treten, solange der Ölvorrat reicht.

Dr. Dirk Kerber, Darmstadt