Die Frage: Judith und Florian studieren an derselben Uni. Sie Ethnologie, er Jura. Sie sehen sich mehrmals in der Woche und sind in den zarten Anfängen einer Partnerschaft. Florian verhält sich wie ein Gentleman alter Schule, führt sie in Restaurants aus, zahlt die Rechnung und hilft ihr anschließend in den Mantel. Florian ist ganz anders als die alternativ angehauchten Männer, mit denen sich Judith bisher umgeben hatte. Einer Freundin sagt Judith, sie finde Florian "wirklich passabel". Eines Tages lädt er sie zu einem Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft ein. Als die Nationalhymne gespielt wird, steht Florian auf, legt die Hand aufs Herz und singt lauthals mit. Judith ist verstört. Sie kann Florian von diesem Tag an nicht mehr ernst nehmen. "Stimmt etwas mit mir nicht oder mit ihm?", fragt sie eine Freundin.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Für meine Begriffe stimmt mit beiden alles, nur wird aus ihnen wohl kein Paar. Dazu sind diese frühen Jahre da: um auszuprobieren, mit wem man keine Beziehung führen möchte. Judith ist schlagartig klar geworden, wie wenige gemeinsame Werte sie und Florian teilen. Seine Vorstellung vom Leben ist eine ganz andere. Und offenbar sind ihre Gefühle nicht stark genug, um eine Brücke zwischen den beiden zu bilden. Judith ist noch mitten in der Feldforschung. "Passabel" heißt doch nur, dass sie bisher auf kein Hindernis gestoßen ist. Und Florian hat seine Zuneigung nicht aufmerksamer gemacht, sonst hätte er es nach einem Seitenblick vermieden, seine Ethnologin mit Vaterlandsliebe zu erdrücken. In diesem Sinne ist Judiths Verstörung ein Glücksfall: Den beiden bleibt eine unglückliche Beziehung erspart.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

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Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.