Vor ein paar Wochen schrieb ich über die Abenteuer meines Sohnes in Australien. Er ist dort Austauschschüler und kam mit seiner ersten Gastfamilie nicht zurecht. So etwas kommt vor. Natürlich muss man sich anpassen, die Familie verlangte aber Dinge, die mir bizarr und allzu weitgehend erschienen. Sie rationierten sein Essen auf ein Minimum, obwohl sie von uns ein recht üppiges Kostgeld erhielten, sie verlangten, dass er an Psycho-Sitzungen teilnimmt, sie schrieben ihm vor, wo er seine Freizeit verbringen soll und etliches mehr. Es hatte was von Sekte.

Ich finde, Gastfreundschaft hat zwei Seiten. Gäste müssen sich anpassen, Gastgeber müssen akzeptieren, dass ihre Gäste anders sind als sie. Ich war stolz auf meinen Sohn, weil er sich wehrte und weil er, in einer fremden Sprache, allein auf fernem Kontinent, den nicht unkomplizierten Gastgeberwechsel organisierte. Die neue Familie passte, es gab keine Probleme. Dann kam ein Brief, nicht an mich, sondern an die Redaktion. Eine Dame schrieb, ich sei ein Barbar, fast ein Nazi. Mein Sohn sei, weil er die Regeln jener Familie nicht akzeptiert habe, ein "Besatzungssoldat". Meine Devise sei: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. "Leute, die sich wie die Martensteins benehmen, sind es, die immer wieder die leider weltweit verbreiteten Vorurteile gegen Deutsche bestätigen."

Beigefügt war ein langer englischer Brief, den die Redaktion nach Australien weiterleiten sollte und in dem sich die Dame für mein Benehmen entschuldigte, nicht ohne sich in bitteren Klagen über die Deutschen zu ergehen. So etwas Übles wie mich gebe es nur in Deutschland, typisch deutsch sei es zum Beispiel, seinen Teller mit Fleisch vollzupacken und zu viel zu essen.

Es handelte sich um eine Dame aus Skandinavien, eine Pädagogin, offenbar Veganerin, die als Gast in Deutschland lebt. Das Land, in dem man zu Gast ist, in einem anderen Land als die Heimat von barbarischen Vielfraßen anzuschwärzen ist natürlich auch nicht gerade ein Verhalten, wie man es von seinen Gästen erhofft. Sie tat also selber in ihrer Wut genau das, was sie, am Beispiel meines Sohnes, anprangerte. Wenn sie ihrer eigenen Logik folgt, müsste sie höflich schweigen, sich anpassen und in Deutschland als barbarischer Vielfraß leben. Warum erzähle ich das? Weil es etwas auf den Punkt bringt, das ich in den Jahren meines Kolumnistendaseins gelernt zu haben glaube.

Wenn Sie mich fragen, ob ich mich für einen guten Menschen halte, sage ich: Nein, zum Glück nicht. Ich habe oft das Falsche getan und weiß es auch. An meinem Schreibtisch habe ich schlechte oder ungerechte Artikel geschrieben, in meinem Privat- leben habe ich andere verletzt. Aber ich beobachte ständig, dass kaum etwas die Menschen so aggressiv macht wie das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, im Recht zu sein, Opfer zu sein, für das Gute zu kämpfen. Alle großen politischen Verbrechen werden in dem Glauben begangen, dass dadurch die Welt besser würde. Damit tröste ich mich über meine eigene Unvollkommenheit und über die Unvollkommenheit der Welt hinweg, in dem doppelt angenehmen Wissen, dass ich es mir einfach mache, zu einfach vielleicht, aber dass ich wahrscheinlich nie ein wirklich großes Verbrechen begehen werde. Dazu bin ich nicht wütend genug.

Sehen Sie, meine Dame, meinem Sohn habe ich, ein resignierter Sünder und Skeptiker, geraten, gegen die australische Ökosekte aufzubegehren. Ihnen dagegen rate ich, sich mit den deutschen Barbaren abzufinden und gelegentlich mit ihnen eine Bratwurst zu essen. Man kann nicht ohne Widersprüche leben, gnädige Frau.

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