Eine schöne Geschichte des Filmkritikers Peter W. Jansen handelt von Jean-Luc Godard. Als Jansen ihn für das ZDF-Kulturmagazin aspekte interviewte, nestelte Godard auf einmal in seiner Hosentasche herum. Schließlich zog er ein Taschentuch heraus. Dann tupfte er Jansen vor laufender Kamera eine im Scheinwerferlicht glänzende Schweißperle von der Stirn.

Jansen konnte viele solcher kleinen Geschichten und Anekdoten erzählen, von Rainer Werner Fassbinder und Edgar Reitz, von Wim Wenders und Andrzej Wajda, von all den Regisseuren, die er fürs Radio und fürs Fernsehen traf und deren Schaffen er kameradschaftlich begleitete. Im Mittelpunkt dieser Geschichten stand nie der Journalist Peter W. Jansen, sondern die mit kölschem Humor erwischte Pointe. Darin liegt auch schon der Schlüssel seines Kritikerlebens, in dem der Kritiker nichts und das Kino alles war.

Jansen, geboren 1930, war einer der wichtigsten Filmjournalisten nicht nur seiner Generation, eine Institution, was ihm aber völlig Wurscht war. Er war der Mann im Pullover, der seine Kritiken zu Beginn, das muss man sich mal vorstellen, im Fernsehen minutenlang vom Blatt las. Er verbündete sich mit den Regisseuren des Neuen Deutschen Films und der Nouvelle Vague, weil er wie sie davon überzeugt war, dass eine ästhetische Haltung letztlich immer auch eine politische ist. Er dachte, schrieb und sprach für das Kino, im ZDF, in der FAZ, in der ZEIT, als Buchautor und jahrzehntelang beim Südwestfunk Baden-Baden, zuletzt als Hauptabteilungsleiter Kultur. Und er brachte gemeinsam mit Wolfram Schütte die insgesamt 45 Bände der blauen Reihe Film beim Hanser Verlag heraus, so analytisch wie enthusiastisch.

Vor allem aber bewahrte sich Jansen seine Leidenschaft und – das ist wohl das Schönste, was man über eine Kritikerlegende sagen kann – seine Neugierde. Er war offen für jeden Film, für neue Formen, für junge Regisseure, in deren Arbeiten er lieber das Versprechen als die Fehler suchte. Und für die grünschnabeligen jungen Kollegen, denen er in der Warteschlange eines Filmfestivals mal eben so in fünf Minuten eine kleine Geschichte des sowjetischen Kinos lieferte.

Seine Stimme, diese tiefe, kräftige, unvergleichliche Radiostimme, werden wir weiter hören können: dank der wunderbaren CD-Reihe Jansens Kino, in der Jansen eine Geschichte des Kinos in 100 Filmen erzählt, mit Interviews, Filmdialogen und Musikmontagen – eine Schule des Sehens durch die Ohren. Es ist sein sinnlich erfahrbares Kinovermächtnis.

Am vergangenen Samstag ist Peter W. Jansen mit 78 Jahren in badischen Gernsbach gestorben.

Foto (Ausschnitt): Erwin Elsner/Bildfunk/dpa