Laurent Nkunda, der Rebellenführer, steht auf einem der vielen Hügel in der ostkongolesischen Region Masisi. Sein Blick schweift ins Tal, einige seiner treuesten Soldaten umgeben ihn. Ein Kind wird ihm gebracht, er hält es kurz lächelnd im Arm, dann lässt er es wieder zurücktragen. Hier in Kirolirwe ist er sicher, hier ist sein Hauptquartier. Die wenigen Blauhelm-Soldaten eines nahe gelegenen Beobachtungspostens, der wie eine kleine Insel im Meer seiner Truppen wirkt, beachtet Nkunda nicht.

Der ehemalige Kuhhirte Laurent Nkunda steht im Zenit seiner Laufbahn. Er ist die Galionsfigur einer siegreichen Rebellenbewegung. Internationale Vermittler wie Olusegun Obasanjo, ehemaliger Präsident Nigerias, sprechen mit ihm. Das Gerücht eines Angriffs seiner Truppen genügt, um die kongolesische Armee zum heillosen Rückzug zu bewegen, und wenn er wollte, könnte er sich der Stadt Goma wahrscheinlich im Handstreich bemächtigen. Selten zuvor sah die Lage im Ostkongo für die kongolesische Regierung so düster aus. Internen Papieren der Monuc, der UN-Schutztruppe, ist zu entnehmen, dass der hiesige Befehlshaber der kongolesischen Armee, General Mayala, keine Befehlsgewalt mehr über seine Truppen hat. Er sei entmachtet worden, die Regierung im fernen Kinshasa ziehe es vor, ausgewählten Kommandeuren im Feld direkt Befehle zu erteilen – und die wiederum rangelten untereinander um mehr Macht.

Der 41-jährige Nkunda weiß das genau und sagt deshalb mit gewissem Understatement, dass er bloß eine kleine, schwache Armee von ein paar Tausend Mann befehlige. Er lächelt, er ist freundlich und charmant, ein echter Medienprofi. "Ich habe einen Traum", sagt er, "in fünf Jahren soll der Kongo für Afrika im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sitzen." Unter seiner Führung natürlich. Immer wieder wirft er der kongolesischen Regierung Versagen vor. Sie habe das Land an die Chinesen verkauft und arbeite mit Verbrechern zusammen. Der hagere Mann gefällt sich gut in der Pose des Propheten . Selbst der alte Polit-Profi Obasanjo ist von ihm eingenommen – obwohl gegen Nkunda ein internationaler Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen vorliegt.

Dieser so freundlich scheinende Mann hat seine Truppen plündern, morden und vergewaltigen lassen. Eines der schlimmsten Massaker haben Truppen Nkundas begangen: In einem kleinen Dorf ermordeten sie im vergangenen Januar 30 Menschen mit Gewehrschüssen, Machetenhieben und Hammerschlägen. Weil sie in eine Region flüchten wollten, die von den Gegnern Nkundas kontrolliert wird. Doch die Liste von Verbrechen, die man ihm vorwirft, reicht viel weiter zurück: In der Stadt Kisangani brachten seine Truppen 2002 Dutzende Zivilisten um und vergewaltigten viele Frauen und Mädchen, Ähnliches trug sich 2004 in Bukavu zu. Solche Fälle wischt Nkunda unwillig beiseite: "Ich kann nicht ausschließen, dass manchmal Zivilisten umkamen, vielleicht sind sie ins Kreuzfeuer geraten." Aber, beharrt er, die Ideologie seiner Bewegung, des "Nationalkongresses zur Verteidigung der Bevölkerung" (CNDP), verbiete Angriffe auf Zivilisten. Und Vergewaltigungen würden mit der Todesstrafe geahndet – es gebe einen Ehrenkodex, der allen Soldaten bekannt sei. Erst kürzlich hätten seine Leute drei Soldaten wegen eines solchen Vergehens erschossen.

Immer wieder betont er, dass es ihm um den Kongo gehe – den ganzen Kongo. Konflikte zwischen den verschiedenen Ethnien würden dabei überhaupt keine Rolle spielen. Andererseits erklärte sich Nkunda immer wieder zum Schutzherrn der Tutsis, eines Volkes, dessen Angehörige 1994 im Nachbarstaat Ruanda zu Hunderttausenden umgebracht wurden. Die Tutsis seien auch im Kongo in Gefahr, er müsse sie schützen. Ihre Mörder, die Mitglieder der ruandischen Interahamwe-Miliz, tauchten nach der Niederlage gegen die Truppen des heutigen Präsidenten Paul Kagame im Kongo unter. Bis heute treiben sie in der Nachbarregion Süd-Kivu ihr Unwesen, auch sie vergewaltigen, morden und plündern. Und die kongolesische Armee hat diese Verbrecherbande für ihren Kampf gegen Nkundas Truppen eingespannt.

Er könne nicht akzeptieren, dass diese "Ausländer" auf kongolesischem Boden einen kleinen Staat im Staat aufgebaut hätten und dort die Bevölkerung terrorisieren würden, sagt Nkunda. Dann dröhnt er mit dem ganzen Pathos, zu dem er fähig ist: Niemals werde er die Präsenz dieser Völkermörder dulden – auch wenn sich die ganze Welt gegen ihn wende. "Sowohl die USA als auch Ruanda haben vergessen, dass sie geschworen haben, nie wieder einen Völkermord zuzulassen." Genau das drohe im Kongo: "Und trotzdem lassen sie mich alleine kämpfen." Hätte er wirklich die Unterstützung Ruandas, wie seine Gegner es ihm unterstellen, würde er direkt nach Kinshasa marschieren und die korrupte Regierung stürzen.

Für viele Kongolesen sind Nkundas Worte Balsam. Er verspricht, gegen die allgegenwärtige Korruption und Willkür vorzugehen, er verspricht, den Kongo innerhalb weniger Jahre zu einem Staat zu machen, der sich international sehen lassen kann. Dass Hunderttausende vor seinem Krieg fliehen oder in Flüchtlingslagern auf Hilfe hoffen, ficht Nkunda nicht an. "Was sind schon ein oder zwei Millionen, die in Lagern hausen müssen", sagt er mit einer Geste, als würde er eine Fliege verscheuchen. Laurent Nkunda geht es um Größeres: Am Ende seines Kampfes erwarte 60 Millionen Kongolesen die Freiheit vom jetzigen Regime.