Der Computer bleibt für Hildegard F. ein absonderlicher Kasten. Jahrelang stand er im Arbeitszimmer, für die Enkel der 86-jährigen Bäuerin, wenn sie einmal auf Besuch kamen. Internet, das kannte sie nur vom Hörensagen. Dann bekam sie einen Brief, in dem behauptet wurde, sie tummle sich doch ganz gern im World Wide Web. Und das nicht immer ganz gesetzeskonform. Hildegard F. war einem Herzinfarkt nahe, als sie den Vorwurf las: 1 Liter Sperma & 150 Liter Urin! Part 4, diesen Porno soll sich die Salzburgerin illegal auf ihre Festplatte geladen haben.

Was nach einer schlechten Komödie klingt, ist der Beginn der ersten großen Abmahnwelle in Österreich für illegale Downloads aus dem Internet. In den USA hat die Pornoindustrie ihr Recht längst eingefordert, in Deutschland wurden die ersten Mahnbriefe aufgesetzt, und bald sollen auch in Österreich Tausende zur Kassa gebeten werden. Bislang fanden sich für die Kläger weder Anwälte noch ein Provider, der die Daten der schwarzen Schafe herausrücken wollte. Das hat sich nun geändert.

Die Seminararbeit entpuppt sich als ein Pornofilmchen

Filmstudios wie Hustler, Muschi Movie oder Cazzo Films haben in der Vorarlberger Anwaltskanzlei Längle, Fussenegger und Singer einen dienstbereiten Helfer gefunden. Seit Juli verschickten die drei Juristen Abmahnschreiben an Hunderte Haushalte. Rund 800 Euro verlangen die Vorarlberger in ihren uniformen Mahnbriefen, um »urheberrechtliche Ansprüche der Mandantschaft und die Kosten für das Einschreiten der Kanzlei« abzugelten. Und die meisten Empfänger zahlen.

Auch Hildegard F. wollte das tun, bevor sie sich an Johannes Öhlböck wandte. Der Anwalt vertritt rund 20 Beklagte in dieser Causa. Einer seiner Klienten soll sogar zwölf Abmahnschreiben erhalten haben. Tausende Euro war er bereit für sein Vergehen hinzublättern. »Die Angst ist so groß, dass die Angeschriebenen alles auf sich nehmen, nur um sicherzustellen, dass niemand von der Sache erfährt«, erzählt Öhlböck. Zu peinlich ist es den meisten, mit Pornografie in Verbindung gebracht zu werden. Nachdem Hildegard F. das Schreiben erhalten hatte, quälte sie nächtelang die Frage: Wer war für das Herunterladen des dreckigen Filmchens verantwortlich? Der Sohn, der Ehemann oder doch der Enkel? Die ganze Familie stand plötzlich unter Generalverdacht.

Wer im Internet surft, hinterlässt Spuren. Im Normalfall zumindest seine IP-Adresse, eine Nummer, die dem Internetanschluss zugeordnet werden kann. Über Tauschbörsen können Daten, die oft urheberrechtlich geschützt sind, zwischen Anwendern getauscht werden. Das ist nicht unbedingt lukrativ für die Film- und Musikindustrie, die nun verstärkt gegen die Downloadsünder vorgeht, indem sie ihre Dateien digital markiert. Dadurch können sie im Netz verfolgt werden, auch wenn die markierten Songs und Filme unter anderem Namen in Online-Tauschbörsen versteckt waren. So kann es schon einmal vorkommen, dass sich die heruntergeladene Physik-Seminararbeit des Enkels als 1 Liter Sperma & 150 Liter Urin! Part 4 entpuppt.

Kein Kampf für Urheberrechte, sondern reine Geldmacherei