Ich lebe gerne am Wasser. Deshalb habe ich nach dem Studium sieben Jahre in Istanbul verbracht. Seit fünf Jahren lebe ich nun am Lido in Venedig. Zurzeit spiele ich mit dem Gedanken, für eine Weile in St. Petersburg zu arbeiten.

Als Wiener finde ich mich in all diesen Städten schnell zurecht. Verblichene Pracht und Melancholie ziehen mich eben an. Der türkische Autor Orhan Pamuk hat dies am Beispiel Istanbuls mit dem Begriff Hüsün beschrieben: Es ist nicht die Melancholie, die ein Einzelner spürt, sondern ein schwarzes Gefühl, das alle Menschen einer Stadt gleich empfinden. Dieses Gefühl prägt auch Venedig. Obwohl Melancholie nicht meine persönliche Grundstimmung ist, bin ich sehr empfänglich dafür. Ich will mit meinen Bildern die Menschen berühren. Und Melancholie berührt sie nun einmal.

Immer wieder steige ich in mein kleines Motorboot, um die Welt am Lido zu erkunden. Dann fotografiere ich mit einer alten Kamera auf richtigem Film. Meist entstehen dabei ganz banale Fotos, nicht wert, länger aufbewahrt zu werden. Der Trick liegt nun darin, die Essenz aus diesen unscheinbaren Bildern zu ziehen, also beim Malen ein Konzentrat zu schaffen, das die Besucher einer Ausstellung berührt.

Zurzeit ist mein Venedig-Zyklus im Museo Correr am Markusplatz zu sehen. Hier haben schon Lucian Freud, Francis Bacon und Anselm Kiefer ausgestellt. Dass ich als erster Österreicher in diesen Räumen vertreten bin, freut mich. Während andere Maler häufig versucht sind, viele Bilder auszustellen, habe ich meine Auswahl sehr reduziert. In einem Raum hängen einander nur zwei große Leinwände gegenüber: Venedig Tag und Venedig Nacht, beide jeweils 5,40 Meter breit. Ich male mit Kohle direkt auf unbehandelter Jute. Durch das große Format erziele ich trotz dieser armen Materialien eine ziemliche Wucht.

Venedig ist natürlich ein Paradies für Künstler. Ständig wird man daran erinnert, welche Heroen hier gemalt haben. Wir Heutigen können mit demselben Licht und derselben Farbigkeit arbeiten und haben obendrein noch die Möglichkeit, die Werke dieser Vorbilder vor Ort zu studieren.

Dass Venedig immer mehr zum Disneyland verkommt, darf man dabei nicht verschweigen. Es gibt jede Menge Plunder zu kaufen und kaum noch ein Geschäft, in dem man die Dinge des täglichen Bedarfs bekommt. Meine menschenleeren Bilder sind ein Gegenentwurf zu dieser Entwicklung. Andererseits bilden sie aber auch die Realität ab. Denn kaum biegt man irgendwo im Trubel um drei Ecken, erlebt man die Stadt plötzlich menschenleer.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer