Den Göttern geht es ja schon seit Längerem nicht gut, schon gar nicht in der Oper. Menschlich, allzu menschlich werden sie meist inszeniert, zänkische Individuen, machtversessen, spätestens Richard Wagner komponierte sie schon erdennah. Die "seligen Genien", "droben im Licht", die Friedrich Hölderlin so liebte, sind für das Musiktheater nicht dramatisch genug. Oder doch? In Berlin lösen sie sich im Bühnenhintergrund aus jähem Licht, zwölf Gestalten, und beginnen Menschen zu retten. Die Götter tragen strenge, hochgeschlossene Kleider und schmucke schwarze Gehröcke der vorletzten Jahrhundertwende, die Menschen sind heutig und hell und dürftig bekleidet und liegen im Wasser. Sie werden herausgezogen und nach vorn gebracht, dorthin, wo Hölderlin sitzt.

"Ich hab ihn ausgeträumt, von Menschendingen den Traum", hat er gerade halb wütend, halb nölig gerufen, nicht gesungen, und das Orchester hat seltsam spätromantisch geraunt, in einer Harmonik, die vor hundert Jahren noch so in Mode war wie Glockenrock und Gehrock und die um so eigentümlicher berührt, als der Komponist Peter Ruzicka sie in einer ganz anderen, harschen und kargen Klangumgebung platziert. An Götter dachte er noch gar nicht, als er das schrieb, und das Hölderlin-Zitat war ebenfalls nicht vorgesehen. Dass sich nun doch alles abgründig fügt, geschieht aber durchaus im Sinne des Komponisten. Er dirigiert die Uraufführung seines Hölderlin in der Berliner Staatsoper selbst und im Einverständnis mit dem Regisseur Torsten Fischer. Der Librettist aber schäumt vor Wut. Peter Mussbach fühlt sich "verhohnepipelt".

Furchtbares braut sich zusammen hinter der "dumpfen Stirne" des Volks

Mit Erwägung einer Urheberrechtsklage kurz vor der Uraufführung tat er der Produktion den denkbar größten Gefallen, denn ein Zwist unter Promis ist medienwirksamer, als es die klügsten Erwägungen über Hölderlin und die Gegenwart sein könnten. Den Echoraum der Kontroverse bildeten die schwer durchschaubaren Umstände, unter denen Mussbach in diesem Jahr sein Amt als Intendant der Staatsoper verlor, an der er andernfalls selbst Hölderlin inszeniert hätte. So aber sprang Torsten Fischer ein, erfand neue Gestalten, fügte dem Stück zusätzliche Zitate ein und realisierte die erste Hälfte der zwei pausenlosen Stunden intensiv, schlüssig, ideenreich und präzise. Jene Hälfte, deren Texte im Wesentlichen von Hölderlin selbst stammen, vertont wie gesprochen, und in der Ruzickas Musik so suggestiv wie stringent wirkt.

Mit Hölderlin hat sich Peter Ruzicka immer wieder auseinandergesetzt. Der umnachtet gestorbene Dichter ist für den Komponisten gleichsam das Pendant zu Paul Celan, um den herum er sein erstes Musiktheaterwerk konzipierte. Die beiden an der Welt zerbrochenen Dichter sind Gegenbilder zum weltgewandten Praktiker Ruzicka, zum erfolgreichen Intendanten in Hamburg und Salzburg. Doch dem hochreflektierten, skeptischen Kunstsinn des Komponisten sind sie nahe. Neben den splittrigen Extremen seiner Celan-Oper von 2001 wirkt die neue Partitur übersichtlicher: Karge, weit ausgespannte Kontrapunktik und einsame Linien einerseits, andererseits motorische Attacken und historisierende Intarsien, in denen man neben romantischem Sehnsuchtsklang auch mal einen ausgedörrten Rest Mozart hört.

Zu einem solchen Rest zeigt Fischer einen Opfergang: Nachdem Hölderlin wider die "dumpfe Stirne" des Volks gewütet hat, zerfleischen die als "willenlose Leichname" beschimpften Menschen sein (singendes) Alter Ego, und auch die rettenden Götter sind ihnen nichts mehr wert: In Rollstühlen werden die Boten einer anderen Welt an die Rampe geschoben, entkräftet, zu Abfall fast verwandelt. Die Plattenbauten, die als bühnenhohe Fotografien zuerst nur die Seiten des Raumes begrenzten, schließen nun auch den Horizont. Atemberaubend ist die Fallhöhe von Hölderlins Sprache zu dem Gestammel, das sich nun ausbreitet. Im Alltagsjargon beschwört der Librettist Mussbach das Elend der Gegenwart. "Scheißleben", "Wichser", "Dass ich nicht lache": Das ist nicht bloß Sozialmisere 2008, sondern die Art Realität, vor der schon Hölderlin floh.

Himmelfahrtskommando für einen gebrochenen Helden