Im Januar 1907 erschien in der Sprechstunde des Linzer Arztes Eduard Bloch eine ihm bis dahin unbekannte Frau, die sich als Klara Hitler vorstellte. Sie klagte über heftige Schmerzen in der Brust. Bloch diagnostizierte Krebs und bat die Kinder in seine Praxis, um ihnen den Befund mitzuteilen. 34 Jahre später, im amerikanischen Exil, schilderte er dem US-Magazin Collier’s Illustrated Weekly, wie der damals 17-jährige Adolf Hitler auf die schlimme Nachricht reagierte: "Sein langes bleiches Gesicht war verstört. Tränen flossen aus seinen Augen. Hatte denn seine Mutter, fragte er, keine Chance?"

Der Arzt entwickelte eine Zuneigung zu dem Jungen, der sich so liebevoll und fürsorglich um die todkranke Mutter kümmerte und der, als sie im Dezember 1907 starb, untröstlich war. "In meiner ganzen Karriere habe ich niemanden gesehen, der so vom Kummer vernichtet war wie Adolf Hitler", ließ Bloch wiederum den Reporter der Zeitung Collier’s wissen, und er fügte hinzu: "Kein Mensch hätte damals auch nur im mindesten geahnt, dass er einmal die Verkörperung aller Schlechtigkeit werden wird."

Hitler-Biografen haben dieser Episode immer wieder besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Doch über den jüdischen Hausarzt der Familie Hitler wussten wir bislang wenig. Das war für die Wiener Historikerin Brigitte Hamann ein starker Anreiz, der Lebensgeschichte des Eduard Bloch nachzugehen. Wie in ihren Werken über Hitlers Wien und Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth beweist sie auch diesmal viel Spürsinn, wo es um die Entdeckung bislang unbekannter Quellen geht. So konnte sie als Erste die Erinnerungen auswerten, die Bloch im New Yorker Exil 1942/43 niederschrieb und die nach dem Tode des Enkels kürzlich dem Archiv des Holocaust Memorial Museum in Washington übergeben wurden.

Mit viel Empathie beschreibt Brigitte Hamann Herkunft und Entwicklung Eduard Blochs. 1872 in Frauenberg in Südböhmen geboren, entschied er sich nach dem Abitur auf dem Gymnasium Budweis 1891 für das Studium der Medizin an der Karls-Universität in Prag. Nach bestandenem Doktorexamen ließ er sich in Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, nieder. Bald schon zählte er zu den beliebtesten Ärzten der Stadt, weil er alle Patienten, ob arm oder reich, gleich behandelte und ihnen auch zu jeder Nachtstunde seine Hilfe zukommen ließ. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit engagierte er sich in der Linzer Jüdischen Gemeinde, wo er bald in den Vorstand gewählt wurde.

1902 heiratete er Lilli Kafka, Tochter eines wohlhabenden Linzer Fabrikanten. Das junge Paar zog in eine große Wohnung im barocken Palais Weißenwolff in der Landstraße 12. Hier wurde 1903 das einzige Kind der Blochs, Tochter Trude, geboren. Und hier empfing Bloch 1907 Klara Hitler, die zwei Jahre zuvor von Leonding nach Linz umgezogen war. Auch als der junge Hitler 1908, nach dem Tod der Mutter, nach Wien zog, vergaß er nicht, was der Linzer Doktor für die Familie getan hatte, und schickte ihm mehrere Ansichtskarten, die er mit "Ihr stets dankbarer Adolf Hitler" unterschrieb.

Die Autorin lässt uns nicht nur teilhaben am Leben der Blochs, sondern auch an dem der Großfamilie Kafka, und sie verbindet die private Geschichte mit einer Darstellung der Umbrüche im Gefolge des Ersten Weltkriegs, an dessen Ende die einst so stolze Habsburgermonarchie zerfiel und die "Republik Deutschösterreich" proklamiert wurde. Hamann schildert, wie in dem kleinen, verarmten Land der Antisemitismus in den zwanziger Jahren wilde Blüten trieb und die Partei Hitlers schon vor 1933 auch in Österreich und besonders in dessen "Heimatstadt" Linz eine wachsende Zahl von Anhängern fand, unter ihnen Adolf Eichmann, der im April 1932 der NSDAP beitrat. Die jüdische Gemeinde sah sich wachsenden Anfeindungen ausgesetzt und rückte eng zusammen. Bereits vor dem "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland im März 1938 trauten sich viele "arische" Patienten nicht mehr, Blochs Praxis aufzusuchen.