Behalten wollte er die DDR, aber anders. Seine Version vom Ende des zweiten deutschen Staates oder von seinen Überlebenschancen, die er hatte und nicht nutzte, hat man so noch nicht gelesen: Dieter Segert zeichnet an Hand seiner eigenen Biografie nach, wie er naiv und rechtgläubig in die Universitätslaufbahn gerät, wie er und seine Freunde sich ihren kleinen Freiraum erschaffen oder auch bloß imaginieren, schließlich das Ancien Régime loswerden möchten – aber zu spät. 40 Jahre überlebte der Semistaat. Das 41. Jahr, findet Segert, hätte auch einen anderen Anfang möglich gemacht als den, "den die westdeutsche politische Klasse 1990 mit Hilfe ihrer überlegenen wirtschaftlichen Macht und ihrer größeren politischen Autorität innerhalb der DDR-Bevölkerung schließlich durchgesetzt hat".

Neinsagen, berichtet er, habe er nicht früh gelernt. Dieter Segert, heute Politikprofessor in Wien, erzählt glänzend und authentisch "Geschichten und Geschichte" eines Ostdeutschen, der einen "lebendigen Traum von einer anderen DDR" träumte, die wirklich demokratisch wäre. Gab es die Chance tatsächlich? Er meint ja, manchmal betont er es fast trotzig, nicht bitter. Verständlich, denn noch einmal will er sich "der Nötigung zur Identitätsverleugnung" nicht ergeben. Und so empfand er, was nach 1989 geschah. Aus dem Innersten einer Reformgruppe der Humboldt-Universität berichtet er, die sich im Herbst 1989 "innerhalb einer Basisbewegung der SED" für eine demokratische DDR engagierte. Den eigenen Blindheiten und Fehlern nachspüren, das allmähliche Erwachen des Widerstandsgeistes innerhalb der tragenden Klasse deutlich machen, dieses komplizierte Kunststück ist ihm rundum geglückt. Die DDR, das war keineswegs nur Hans Ulrich Wehlers "sowjetische Satrapie", mit einem Bürgerrechts-Don Quichotte hie und da. Auf Segerts Ostland legte sich nach dem Einmarsch der Panzer in Prag im August 1968 eine Betonplatte, es war aber auch ein Wachruf. Oft wünscht er sich bei Lektüre der eigenen Akten, weniger opportunistisch gewesen zu sein. Was er allerdings gut belegen kann, mit Briefen und frühen Gesprächsnotizen: Wie es war und was es hieß, in der DDR – ohne Öffentlichkeit – sein eigenes Weltbild zu korrigieren.

Segert: "Die Erosion der Machtverhältnisse ist nicht allein aus dem in der Krise entstehenden Wunsch nach der deutschen Einheit erklärbar. Sie war gebunden daran, dass eine Mehrheit jener ›Dienstklasse‹ der SED-Führung ihre Loyalität aufkündigte. Ohne diesen Prozess lässt sich nicht verstehen, warum jene wohlgerüstete Herrschaft so einfach und klanglos schwand". Wie viel Lebenszeit haben wir vergeudet! Für den größten politischen Fehler in diesem "41. Jahr" hält er es, dass sich die SED-Reformer nicht mit den demokratisch Aufbrechenden verknüpften. "Wir blieben unter uns." Aber wie steigt man ab vom Rücken des Tigers? Schließlich waren sie allesamt Mitglieder einer nichtdemokratischen Partei.

Ihre Antwort: Die Debatte über ihr "Sozialismus-Projekt", einen anderen Sozialismus, die sie aber lieber offiziell führen wollten, eine theoretische Debatte im kleinen Zirkel galt als illegal. "Die Festung DDR", meinten sie, "kann man nur von innen stürmen." Hier, bilanziert Segert, zeigte sich die eigene Schwäche besonders. Der "Schatten der Gewalt" aus den fünfziger Jahren "lastete auch im Herbst 1989 noch auf der SED-Intelligenz", auch seine Angst vor Repressionen habe ihn gelähmt. Erst als Hans Modrow Ende Januar 1990 ankündigt, seine Regierung strebe einen Zusammenschluss mit der Bundesrepublik an, entscheidet er sich für einen Austritt aus der Partei, "weil ich nicht bereit war, auch diese Wendung mitzumachen". Jetzt sagt er Nein, aber die DDR ist perdu.

Larmoyant oder nostalgisch ist der Ton nicht, der Autor kommt locker, manchmal melancholisch, oft ironisch, immer erhellend einher. Zum herablassenden Verdikt über die SED-Reform-Träumer besteht kein Anlass. Alternativen zu denken, und zwar beizeiten, herauszuspringen aus dem eigenen selbstreferenziellen System fällt bekanntlich auch im Westen nicht leicht, wie sich an der Geschichte des wild wuchernden und jetzt an seine Grenzen gestoßenen Kapitalismus belegen ließe. Und hier wäre es doch tausendmal leichter gewesen. Gunter Hofmann

Buch im Gespräch

Dieter Segert: Das 41. Jahr