Ich verstehe die ganze Diskussion überhaupt nicht", sagt Hiltrud Breyer. Die Grünen-Abgeordnete kommt gerade aus dem Umweltausschuss des EU-Parlaments und ist eigentlich bester Laune. Sie ist maßgeblich beteiligt an einer EU-Verordnung, mit der die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln neu geregelt werden soll.

Was Breyer vorhat, ist nicht weniger als eine kleine Revolution in der europäischen Landwirtschaft: Ob ein Pestizid erlaubt wird oder nicht, soll in Zukunft nur noch davon abhängen, ob die darin verarbeiteten Wirkstoffe für den Verbraucher in Reinform giftig sind. Im ersten Moment klingt das naheliegend – wer will schon Gift im Essen haben –, tatsächlich wäre ein Zulassungsverfahren nach diesem Muster aber eine 180-Grad-Wendung im Umgang mit Pestiziden. Der Umweltausschuss habe ihre Forderungen bekräftigt, berichtet Breyer zufrieden.

"Bisher haben wir die Gefährlichkeit von Pflanzenschutzmitteln expositions- oder risikobasiert beurteilt", erklärt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR). "Das bedeutet, dass wir uns angesehen haben, welche Rückstände ein Pestizid auf den Lebensmitteln hinterlässt. Davon ausgehend, haben wir dann geprüft, ob der Verbraucher gefährdet ist." In der Diskussion, die Hiltrud Breyer nicht begreifen mag, streitet Hensel kräftig mit. In einem vierseitigen Positionspapier hat das BfR im August gegen die Pläne des EU-Parlaments Stellung bezogen. Ein "pauschales Verbot von Wirkstoffen mit bestimmten gefährlichen Eigenschaften" halten die Risikoexperten nicht für sinnvoll.

Die Bauernverbände warnen vor Ernteverlusten

Hensel steht mit seiner Kritik an der geplanten EU-Verordnung nicht allein da. Die britische Zulassungsbehörde Pesticide Safety Directorate (PSD) gab im Mai dieses Jahres eine Studie heraus, in der sie die Auswirkungen des neuen Verfahrens abschätzte. Bis zu 80 Prozent aller heute zugelassenen Pestizidwirkstoffe, lautete die alarmierende Botschaft, könnten der Verordnung zum Opfer fallen. Bauernverbände reagierten auf die Studie mit Protestaktionen, warnten vor Ernteverlusten und drohten mit steigenden Lebensmittelpreisen. "Wir sehen große Schwierigkeiten auf uns zukommen", sagt Steffen Pingen, Referent beim Deutschen Bauernverband. "Nach den Berechnungen der PSD würden zum Beispiel zehn von zwölf Wirkstoffen wegfallen, mit denen man Pilzbefall im Winterweizen bekämpft. Darunter kann die Qualität der Produkte leiden."

Breyer beeindruckt das nicht. "Die Zahlen der PSD sind falsch", sagt die Grüne. Die EU-Kommission habe bestätigt, dass von insgesamt 500 derzeit verwendeten Wirkstoffen maximal 22 durch das neue Zulassungsverfahren verboten werden müssten.

Wie stark sich Hersteller und Anwender von Pestiziden in Zukunft tatsächlich einschränken müssen, ist im Moment schwer abzuschätzen. Die Verordnung befindet sich in der zweiten Lesung, spätestens im Januar soll das EU-Parlament endgültig darüber abstimmen. Wenn es nach Breyer geht, wird es eine ganze Reihe von Ausschlusskriterien geben: Krebserregende, erbgutverändernde und fortpflanzungsschädigende Stoffe sollen auf den Index kommen, außerdem immun- und neurotoxische Substanzen und solche, die sich schädlich auf Bienen auswirken.

Führt der falsche Weg zum richtigen Ziel?