Die Heiligen gehören ihm schon, jetzt hat er auch noch eine Kirche. Und wenn eines Tages der Himmel zum Verkauf ansteht, wird er dort gewiss ein Museum einrichten. Reinhold Würth, Prof. Dr. h.c. mult. "Führender Spezialist für Montagetechnik". Vulgo Schräublehändler. Was im Schwäbischen so vertrauensbildend klingt wie der Chorus "Yes we can", den sie drüben anstimmen.

Dabei hat wie jede schnelldrehende Erfolgsgeschichte auch der Würthsche Aufstieg zur Schraubenweltspitze mit kleinem Gewinde begonnen. Die sorgende Mutter soll dem reisenden Verkäufer, der Ende 1954 mit 19 Jahren die Großhandlung des verstorbenen Vaters übernahm, noch die Butterbrezeln ins Musterköfferchen gepackt haben. Damals betrug der Jahresumsatz knapp 150000 Mark. Heute rangiert Reinhold Würth in den Charts der Weltreichsten, und wenn er im Unternehmen mit seinen 400 Gesellschaften in 86 Ländern auch nicht mehr operativ tätig ist, dann weiß er doch wie keiner, wo auf dem gut verdübelten Globus noch letzte Märkte fürs firmeneigene Befestigungsmaterial verblieben sind. Und den Sektor Kunst lässt er sich als Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrates von niemandem streitig machen.

Nun hat sich unlängst ein später Schatten über die lichte Biografie gelegt. Und es hat den Milliardär mult. schon gegrämt, dass er jetzt im Alter – siebzig verweht – von der Steuergerichtsbarkeit abgeurteilt worden ist. Aber der Groll war dann auch wieder nicht größer als bei Hera, wenn sie den Göttergatten im sterblichen Bett entdeckte. Der Vorbestrafte nimmt den Kasus sportlich und hat nie daran gedacht, sich fortan beleidigt aus der undankbaren Öffentlichkeit zurückzuziehen. Noch immer wird im Schräublereich das landsmannschaftliche Festessen – ein kräftiger Eintopf aus Geld, Kunst und Politik – serviert. Bei der Eröffnung der großen Baselitz-Ausstellung in der Würthschen Kunsthalle in Schwäbisch Hall gab sich ein gewesener Bundeskanzler die Ehre. Und lang ist die Liste der Notablen, die sich nun zum feierlichen Einzug der Würthschen Alten Meister in die Johanniterkirche angemeldet haben.

Wohl wird nur der Hardcore-Schwabe ohne GPS sicher nach Künzelsau-Gaisbach finden, aber dass dort für Kunsterwerbungen noch immer zweistellige Millionenbeträge im Jahr budgetiert sind, das hat dem Markt kaum verborgen bleiben können. Dabei gehört der Sammler nicht gerade zu den Habitués auf den Poolpartys der Art Miami. Wie der Mann überhaupt auf den Bühnen des zeitgenössischen Kunstbetriebs eher selten anzutreffen ist. Mit buttergebrezelter Schüchternheit sollte man das nicht verwechseln. Die gesunde Ichkur, die mit der Aufarbeitung des Privatvermögens zum öffentlichen Unterhaltungsgegenstand versprochen ist, hat man, wenn man erst auf der Forbes-Liste steht, einfach nicht mehr nötig. Ein eigenes Museum am Firmensitz. Eine eigene Kunsthalle im nahen Schwäbisch Hall, vom dänischen Architekten Henning Larsen kühn über der Altstadt errichtet. Ein profaniertes Kirchengebäude aus dem 12. Jahrhundert in der Nachbarschaft, das man erworben, entkernt, behutsam restauriert und jetzt für die legendäre Altmeister-Gruppe eingerichtet hat, die Würth 2003 aus Fürstenbergischem Besitz übernahm. Dazu ein umgewidmetes Fabrikgebäude in Bad Mergentheim als Depot. Dazu zehn Museen an den Firmenfilialen in ganz Europa. Über eine Million Besucher in den Ausstellungen seit 1991. Ein Stab von Kuratorinnen und Medienspezialistinnen. Zwei Hofbiografien. Bestandskataloge, dass sich die Regalbretter biegen. Wenn einer das alles hat, was soll er dann noch haben wollen?

Dann schützt man die empfindliche Haut vor allzu viel Anerkennungssonne, empfängt die erlauchten Geister des neu gegründeten Kunstbeirats, hört sich die Voten der Herren Werner Spiess, Peter-Klaus Schuster, Christoph Becker, Thomas Gaehtgens und Fabrice Hergott an und entscheidet dann doch gegen den dringlich geratenen Ankauf. Denn, "das ischt klar", wenn dem Patron ein Bild nicht gefällt, dann kommt es ihm auch mit kunstwissenschaftlichem Empfehlungsschreiben nicht ins Haus.

Gesehen hat die inkommensurable Kollektion von "zwischen 11000 und 12000 Werken" noch keiner. Gesehen hat man immer nur Tranchen, mal da, mal dort bunte Auswahlsendungen, die wie die Hohenloher Geißen in erstaunlichsten Sprüngen das Kunstjahrhundert queren. Einen gewissen Eigensinn wird man der Würthschen Sammlung zuallerletzt absprechen wollen. Das größte Ensemble zeitgenössischer österreichischer Kunst auf nichtösterreichischem Boden, der lückenloseste Querschnitt durchs Verhüllungswerk von Christo und Jeanne-Claude, der dichteste Bestand an Max-Ernst-Grafik, das kompletteste Album des Wiener Wut- und Wucht-Bildhauers Alfred Hrdlicka, eines der bedeutendsten Altmeister-Ensembles in privater Hand.

Ja, da staune er dann auch immer wieder, was er so alles gesammelt habe. Zuweilen kämen in Ausstellungen Bilder zum Vorschein, die er nur mal im Auktionskatalog angekreuzt, aber dann nach ihrer erkennungsdienstlichen Untersuchung auf dem Weg ins Magazin total aus den Augen verloren habe. Es sei doch wie beim Rauchen, sagt Herr Würth, oder besser gesagt anders als beim Rauchen. Irgendwann, spätestens nach dem ersten Herzinfarkt, "das ischt klar", ist es mit der Sucht vorbei. Da aber Sammeln als kardiologisch unbedenklich zu gelten habe, wolle der Sammler partout nicht einsehen, warum er aufgeben sollte, was ihm weder Ärzte noch Finanzvorstände verboten hätten. Abgesehen davon bliebe sammlerisch noch immer allerhand zu tun. Und wenn es nur um den Nachweis ginge, dass nicht jede Sammlung wie jede Sammlung aussehen müsse. "Wenn Sie in die großen Kunstmuseen gehen, dann finden Sie überall die gleichen Namen, das ist wie im Hilton-Hotel, wo man hinter der Drehtür vergessen hat, in welcher Stadt man sich befindet."