Heftig wurde vor zwei Jahren über den "deutschen Klang" der Berliner Philharmoniker diskutiert. Hatte Simon Rattle seinem Orchester das "Deutsche" ausgetrieben? Die Hysterie war inszeniert und völlig aus der Luft gegriffen. Aber die offene Frage blieb für viele am Ende doch: Können die Philharmoniker noch ihren Brahms, für den sie so berühmt sind und an dem die Dirigenten in Berlin so gerne gemessen werden? Simon Rattle hat sich für eine Antwort viel Zeit gelassen. Schließlich sind die Philharmoniker mit der deutschen Romantik groß geworden, Brahms selbst hat mit ihnen noch seine Dritte Sinfonie aufgeführt – womöglich analytischer als Wilhelm Furtwängler, der Vertreter einer "einheitlichen Fühlweise", von dem wiederum Karajan die großen Bögen, aber nicht die suggestiv zerdehnten Tempi übernahm. Was noch nichts über den Klang sagt. Auch bei Furtwängler raunt er nicht einfach nur so dunkel wie der deutsche Wald, der schon im 19. Jahrhundert sehr gelichtet war. Deutsch sind nur die Tarifverträge im Orchester.

Nun aber hat auch Rattle in Berlin alle vier Brahms-Symphonien dirigiert. Und die Leute kamen – nicht, um zu überprüfen, ob das Orchester deutsch genug klingt, sondern weil sie Brahms lieben. Wer befürchtet hatte, Rattle würde Brahms von jener Moderne her analysieren, die dieser Komponist mit vorbereitet hat, durfte sich entspannen. Auch als historisch bewusster Fortführer der barocken Klangrede, für die sich Rattle interessiert, spielte Brahms keine Rolle. Stattdessen beschwor der Chef einen derartig bruchlosen Klang mit derartig großen Bögen, durchsetzt mit üppigen Ritardandi, als wollte er Furtwänglers Dimensionen mit Karajans Schönklang verbinden.

Die Zweite Sinfonie in D-Dur ist immer gern als Idylle konsumiert worden, ungeachtet unzähliger Doppelbödigkeiten, die so perfekt integriert sind, dass einen das "Funktionieren" über vieles hinwegtäuschen kann. Offenbar sogar über den depressiven Einbruch im ersten Satz – eine Passage, von der Brahms sagte, er sei eben "nebenbei ein schwer melancholischer Mensch". Rattle macht eine runde Sache aus allem, genießt, schärft kaum eine Betonungsverschiebung an, schwebt über einer Landschaft ohne Risse. Der Schluss der Dritten, der als "gespenstisch windstille Zone" (Peter Gülke) alle gängigen Finalerwartungen enttäuscht, klingt hier wie ihr Anfang: einfach nur selbstverständlich. Und die Vierte wird zum umjubelten Leistungsnachweis eines Weltorchesters.

Es steckt aber mehr darin, etwa im dritten Satz, wo Brahms Blöcke von tiefem Fortissimo und hohem Piano dicht nebeneinandersetzt. Rattle lässt sie nivellierend beiläufig spielen – wie so viele Kontraste, die dem großen Bogen geopfert wurden. Und vielleicht auch der Antwort, die Rattle zu geben müssen meinte auf die Frage nach seiner Haltung zur Tradition des Orchesters. Am spannendsten geriet ihm ein Werk, auf dass er gar nicht gefasst war: Kurzfristig musste das Violinkonzert durch das frühe d-Moll-Klavierkonzert ersetzt werden. Romantischer hat man es selten gehört, extremer. Es gab Septakkorde, die flimmerten wie Tieckscher Spuk, und Sturmhöhen, durch die der Pianist Lars Vogt sich grimmig wie Heathcliff arbeitete. Da erlebte man den Musiker Rattle, der sich ausliefert, nicht den Chefdirigenten, der den Bogen raus hat. Und die Zerrissenheit kann man, wenn es denn hilft, auch deutsch nennen.