ZEITmagazin: Frau Noll, die ersten 14 Jahre Ihres Lebens haben Sie in China verbracht. Können Sie sich daran erinnern, was Sie dort gegessen haben?

Ingrid Noll: Die längste Zeit habe ich in Nanking gelebt, mein Vater war dort Arzt. Wir wohnten in einem großen Haus mit vielen Dienern, die im Garten ein eigenes Häuschen hatten. Dort befand sich die Küche. Alles, was unser Koch an diesem zauberhaften Ort für uns fabrizierte, wurde auf Tabletts durch den Garten getragen, bei Regen unter einem Schirm. Unser chinesischer Koch bereitete am liebsten eine Art europäischen Hackbraten zu, falschen Hasen, in seinem persönlichen Pidginenglisch hieß das "Fasche Hass". Das Beste aber gab es in dem Häuschen selbst: Kartoffelschalen.

ZEITmagazin: Wie bitte – Sie hatten luxuriöserweise einen Koch und aßen am liebsten Kartoffelschalen?

Noll: Mein Vater war ein bodenständiger Mensch und liebte Kartoffeln, sie wurden in unserem Garten angebaut. Dass die Schalen weggeworfen werden sollten, konnten die Chinesen nicht fassen. Also bürsteten sie die Kartoffeln und frittierten die Schalen. Uns Kinder fütterten sie mit Stäbchen. Wir fanden diese Erfindung viel leckerer als Salzkartoffeln und sperrten die Schnäbel auf wie kleine Vögel.

ZEITmagazin: Was war das Exotischste, das Sie je in China aßen?

Noll: Schlange. Aber ich habe es erst Jahrzehnte später probiert, in einem Schlangenrestaurant in Kanton. Es schmeckte ähnlich wie Hühnchen. Merkwürdig, aber lecker. In meiner Kindheit kannte ich Schlangen von anderen Begebenheiten: Manchmal verirrte sich ein gefährliches Exemplar ins Haus. Weil wir wussten, dass diese Spezies meistens im Doppelpack daherkommt, jagten wir dann immer panisch durch die Zimmer nach der zweiten. Am intensivsten in Erinnerung ist mir aus der Zeit in China ein ganzer Fisch, mit Morcheln und Lilienstängeln, die geknotet wurden und die wir "Geknobeltes" nannten. Dazu gab es eine schwarze süß-saure Sauce. Wunderbar! Und an Spaghetti muss ich auch denken.

ZEITmagazin: Spaghetti in China?