Mitten in den Großstädten des reichen Nordens auf diesem Globus, wo jeder Quadratmeter Boden vermessen, begutachtet und mehr als einmal bezahlt ist, wo demokratische Werte herrschen und jeder ins Theater und die Oper gehen kann, wo große Erfindungen gemacht und Milliarden verdient werden: Da gibt es weiße Flecken auf der Karte, Gegenden, wo niemand einen Fuß hinsetzt außer Forschern, Reportern und gelegentlich Abgesandten des Staates. Die Einwohner dort gelten als feindselig, ihre Bräuche als mörderisch und schwer durchschaubar. Dreckig ist es dort und hässlich.

So war es in den Robert Taylor Homes der Chicagoer South Side, verfallenden, übervölkerten Hochhäusern, stadtbekannt als Drogenumschlagplatz. "Die Atmosphäre einer vibrierenden Katakombe" fand der indischstämmige Soziologiestudent Sudhir Venkatesh vor, als er Ende der 1980er dort über Armut zu forschen begann. Zu Anfang stellt er eine Lehrbuchfrage: "Was ist es für ein Gefühl, schwarz und arm zu sein? Sehr schlecht, eher schlecht, weder schlecht noch gut, eher gut, sehr gut?" Dass er anfangs außer Drohungen nur brüllendes Gelächter erntete, überrascht einen kaum. Doch er lernte dazu, und diesen Erfahrungsprozess beschreibt sein mehrfach ausgezeichnetes Buch Underground Economy.

Der Soziologe forscht, während der lokale Bandenchef ihn beschützt

Der lokale Bandenchef J. T. wird sein Beschützer, vielleicht sogar Freund: Die beiden sind einander ähnlich in ihrem beruflichen Ehrgeiz und einem gewissen manipulativen Geschick im Umgang mit Menschen. J. T war auf dem College, fand danach nur unterbezahlte Hilfsarbeit, machte aber in der heimischen Drogenbranche eine steile Karriere und kontrolliert nun ein Gebiet von der Größe einer Kleinstadt. Seine Unterstützung ist Gold wert für einen Soziologen, der die richtigen Fragen stellt: Wie viel verdient man als kleiner Angestellter in der Drogenbranche? Wie viel eine Prostituierte, wie viel ein Zuhälter? Und wie kann man sonst noch im Ghetto Geld verdienen? Wer profitiert von wem? Wie viel Macht hat eine Gang? Wie verhält sich die Community zur Gang? Wie funktioniert diese Gemeinschaft, die von Polizei, Feuerwehr und Notärzten weitgehend gemieden, staatlichen Behörden überhaupt weitgehend ignoriert wird?

Vielseitig und plausibel, gelegentlich etwas reißerisch, zeichnet Venkatesh die Strukturen einer quasifeudalistischen Gesellschaft auf, die ihren eigenen Regeln folgt. Solidarität ist dort ebenso verbreitet wie Korruption.

Die Gang hat absolute Macht, muss aber möglichen Aufständen vorbeugen. Gleichzeitig agiert sie wie ein modernes Unternehmen. Wenn J. T. davon redet, klingt er wie ein x-beliebiger Manager der freien Wirtschaft: Was wir hier machen, ist vielleicht nicht immer schön, aber notwendig und kommt letztlich allen zugute.

Tatsächlich schafft die Gang Arbeitsplätze. Sie sorgt mit einer relativ stabilen, brutalen Hierarchie für Ordnung, denn Chaos ist schlecht fürs Geschäft. (Derselben Ansicht ist die Polizei.) Die Gang sponsert Sportgruppen, richtet Stadtteilfeste aus und spendet für Kinder. Wenn die Kinder von der Schule kommen, wird der Straßenhandel kurz unterbrochen. Die Gang fährt die Leute zur Wahl (und sagt, wen sie wählen sollen). Und das Argument, das von der Gang verkaufte Produkt schade den eigenen Leuten, kontert J. T. sozialdarwinistisch damit, dass nur die Schwächsten und Schlechtesten untergingen, und die seien sowieso nicht gut für die Community.