Hannover

Im vielschichtigen Funktionärswesen des sozialdemokratischen Apparates fehlt bislang eine Position: der Beauftragte für Parteiaustritte. Dabei hätte der genug zu tun, selbst in Städten, die seit Jahrzehnten von der SPD geprägt werden, zum Beispiel in Hannover. Hier hat die SPD ihren größten Unterbezirk bundesweit, hier gewinnen die Genossen noch immer jede Wahl. 34 Jahre lang stand derselbe rote Oberbürgermeister im schlossähnlichen Rathaus seinem Volk vor. Doch in dieser Halbmillionenstadt verliert die SPD, rechnet man Tote und Enttäuschte gegen Neuankömmlinge, in schlechten Zeiten beinahe an jedem Werktag ein Mitglied. Zwar bescherte Franz Münteferings Wiederkehr an die SPD-Spitze im September der Partei 40 neue Mitglieder. Doch das ist nun auch schon wieder mehr als 40 Werktage her.

Knapp 4000 Sozialdemokraten zahlen in Hannover noch Beiträge; aktive Mitglieder aber sind weitaus seltener. Ein freies Amt im Ortsverein, Kommunalwahlen gar, für die es Kandidaten brauche – so etwas sei nun immer ein Problem, sagt Hannovers SPD-Vorsitzender Walter Meinhold. Früher war alles besser, aber früher, in den siebziger Jahren, hatten auch 12000 Hannoveraner das kleine rote Parteibuch. "Das Potenzial ist da, aber es wird knapp", sagt Meinhold. Die nächste Kommunalwahl ist zum Glück erst 2011, aber Meinhold stöhnt schon jetzt. Stadtrat, Regionalparlament und Ortsräte werden gewählt; die Sozialdemokraten brauchen 400 Kandidaten, um alle Listenplätze zu füllen. "Das bedeutet: jedes zehnte Parteimitglied!" Die wenigsten Kandidaten haben Aussicht, gewählt zu werden, aber es geht hier um Symbolisches. Wie peinlich wäre es für die Volkspartei, könnte sie nicht genügend Leute aus den eigenen Reihen zusammentrommeln.

Aber ist die SPD überhaupt noch eine Volkspartei? Nicht einmal ein Prozent der Hannoveraner gehören der SPD an. Um dem Durchschnitt der Bevölkerung zu entsprechen, fehlen ihr: junge Männer und Frauen, Migranten beiderlei Geschlechts, Ingenieure und Facharbeiter, aber auch diejenigen, deren Interessen die Partei doch traditionell vertreten will, gewöhnliche Malocher, Menschen, die gerade so klarkommen. Im Rat der Landeshauptstadt wird die SPD überwiegend von Männern und Frauen vertreten, die der öffentliche Dienst nährt.

Nach der spektakulär hoch verlorenen Landtagswahl im Januar gab Heinrich Aller, der Vorsitzende der SPD Region Hannover, die Parole aus, jetzt müsse man "dichter ran" an die Menschen. Was gut gesagt ist, aber schwer getan. Walter Meinhold hat sich nun der sozialdemokratischen Tradition der Weiterbildung erinnert. Von Januar an bitten die Besten der SPD, Oberbürgermeister, Dezernenten, Abgeordnete, zu einer Art Abendschule, um von Größe und Bedeutung, Freude und Frustration parteilichen Engagements zu berichten. Ein Zertifikat, vielleicht sogar gerahmt, weist zum Abschluss den, soll man sagen: Diplomfunktionär aus, der sich Wahlen stellt, auf dem Marktplatz Argumente vortragen und Ortsvereine auf hohem Niveau am Leben halten kann. Die Not ist groß, Internetseiten der Basis sehen ja mitunter aus, als stünde die politische Insolvenz unmittelbar bevor.

Die neuen Aktivisten sollen sozialdemokratische Ideen verbreiten und, im besten Fall, Mitglieder werben. Wenn sie denn wissen, welche Ideen es sind, für die sie werben sollen. "Die einen sind ausgetreten, weil wir nichts mit den Linken machen, und die anderen, weil wir zu viel mit den Linken machen", sagt Meinhold. Gemeint ist immer die Lage im Bund, Agenda 2010, Beck, Clement, Ypsilanti, also das, was Genossen in der Tagesschau sehen. Mit Hinweisen auf Schulsanierungen und Sprachförderung in Kindergärten hat der Parteichef noch niemanden zur Umkehr bewegt. Immerhin scheint, nach Monaten der Konfrontation, die Meinungsbildung an der Basis abgeschlossen zu sein, die jüngste Wende in Hessen habe für Zu- und Abgänge "keine Rolle" gespielt, sagte Meinhold. Man muss das wohl als gute Nachricht auffassen.

Der CDU übrigens geht es nicht besser. 2000 eingeschriebene Christdemokraten gibt es noch in Hannover, die Partei fusioniert nun ihre Ortsverbände. Es ist eben leichter, sagt der Vorsitzende Dirk Toepffer, einen Vorstand zu bilden, als deren drei.