Michelle Obama am Wahlabend

Tillmann Prüfer fragt: Warum kleidet sie sich wie ein detonierender Vulkan?

Noch in keiner Boutique der Welt erhältlich und trotzdem schon weltbekannt: Kleid von Narciso Rodriguez, geschätzter Preis ca. 8000 bis 10000 Dollar

Amerika hat Obama gewählt – aber auch dieses Kleid? Als Barack Obama mit seiner Frau Michelle nach seinem Wahlsieg das Podium betrat, wusste man nicht, was bemerkenswerter war: seine Ausführungen über die Herausforderungen der Zukunft oder die Herausforderung, die das Kleid seiner Frau darstellte – schwarz, knielang, darauf ein Vulkanausbruch von roten Sprenkeln, sich in Richtung Dekolleté und Hüften ausbreitend. "Das ist definitiv ein Lavalampen-Look", witzelte der Kulturkritiker Jeff Weinstein in seiner Internetkolumne. Hat sich die künftige Präsidentengattin einfach im Kleiderschrank vergriffen? Oh nein – Gattinnen künftiger Präsidenten kleiden sich nicht nach dem Zufallsprinzip. Erst recht nicht Michelle Obama. Schon als sie mit ihrem Mann dessen Nominierung feierte, trug sie ein pinkfarbenes Kleid, dazu eine Kette mit dicken Kunstperlen. Neben diesem Leuchtfeuer verschwand der Nominierte geradezu. Die Aussage seiner Frau war deutlich: Erwartet ja nicht, ich würde mich damit begnügen, den Gästen im Weißen Haus Schnittchen zu servieren.

Schon immer hatte der Stil der First Ladys eine Botschaft. Vom Republikaner Warren Harding wurde behauptet, die delfinblauen Kleider seiner Frau Florence hätten ihn in den zwanziger Jahren zum Präsidenten gemacht. Sie habe darin schon vor der Wahl so wichtig ausgesehen, als sei ihr Mann längst der Staatschef. Auch Ronald Reagans Auftritte wären nicht so einprägsam gewesen, hätte Nancy nicht immer Signalrot getragen. Was aber wollte Michelle Obama mit ihrem Kleid der Welt sagen?

Nun, zunächst einmal, dass ihr Stil mehr als exklusiv ist. Das Kleid war nämlich erst im September auf dem Laufsteg zu sehen – es ist noch in keiner Boutique der Welt zu kaufen. Interessanter aber ist, dass sie ein Modell des Designers Narciso Rodriguez wählte, eines der wenigen, die das Potenzial haben, Amerika wieder ein modisches Gesicht zu geben. Außer ihm und Marc Jacobs gibt es derzeit kaum jemanden, der an die Zeiten anzuschließen vermag, als Calvin Klein und Donna Karan den Look der Welt prägten. Dazu ist Rodriguez kubanischer Abstammung. Er steht also nicht für das weiße Amerika, sondern für das bunte. Frau Obama wollte also sagen: Dress we can. Für so ein Statement muss man schon mal in Kauf nehmen, zugegebenermaßen unmöglich auszusehen.

Foto ––– Peter Langer ZEIT magazin