Washington

Ob der Weltfinanzgipfel vom vergangenen Wochenende in Washington ein Erfolg war, werden wir erst in einigen Monaten, vielleicht erst in Jahren sagen können. Kontrolle über die Weltfinanzströme lässt sich nicht binnen Wochen herstellen. Die Findigkeit von intelligenten Bankern, immer wieder neue Produkte zu kreieren, die an den Regeln vorbei auf den Markt gebracht werden können, lässt sich nicht von heute auf morgen unterbinden. Und Steueroasen, wie die Cayman-Inseln oder Liechtenstein, blinde Flecken der Weltfinanzmärkte, werden auch nicht in kurzer Zeit zu erleuchteten Gebieten. Ob also alle in Washington versammelten Staaten gleichermaßen aus Schaden klug werden oder sich nicht doch einzelne nach kurzer Zeit aus der Weltfinanzkrise mehr Vorteile versprechen, als sie Probleme erwarten, wissen wir noch nicht.

Gleichwohl ist etwas Historisches passiert: Staats- und Regierungschefs von 20 Nationen saßen gemeinsam am Tisch. Industrienationen und Schwellenländer. Ost und West. Süd und Nord. Gleichberechtigt. Ohne Rangordnung. Das gab es nie zuvor. Es ist ein Anfang. Ein Schritt, hinter den man nicht zurückkann. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sich ab sofort auf der Welt alles zum Guten wenden wird. Es heißt auch nicht, dass alle Staaten miteinander auf Augenhöhe sind. Auch nicht, dass einzelne von ihnen nicht wichtiger oder einflussreicher sind als andere. Aber es scheint, als habe die Welt die Globalisierung verstanden. Nicht nur als grenzenlosen Strom von Geld und Waren, sondern als politische Weltgemeinschaft.

In dieser Finanzkrise wurde wie nie zuvor grell erleuchtet, dass die USA und China zwei Wirtschaftsnationen sind, die wie kommunizierende Röhren miteinander verbunden sind. Geht es dem einen schlecht, leidet der andere. Versucht der eine sich zu retten, zieht er den anderen in den Abgrund. Diese Erfahrung wird nicht ohne Folgen für das politische Verhältnis der beiden Systemkonkurrenten sein. Wenn die Welt wirklich multipolar wird, so könnte und müsste die Achse Washington–Peking der Nukleus einer solchen neuen Ordnung sein. Schwellenländer wie Argentinien oder Brasilien werden aus der Opferrolle herauskatapultiert. Ihre Meinung ist gefragt, und davon sind sie immer noch überrascht. Zum Beispiel, wenn ihre Skepsis gegen mehr Einfluss des Internationalen Währungsfonds mit der offenbar ernst gemeinten Aufforderung beantwortet wird: Sagt uns eine Alternative! Es werden aber auch Forderungen an sie gestellt. Insbesondere an China. Es kann nicht sein, sagt ein Beobachter, dass China die Bemühungen der Europäer torpediert, die afrikanischen Länder zu entschulden, weil es dort eigene Rohstoffinteressen hat.

Wird das derzeit uneine Europa, in dem die Präsidenten und Premierminister eifersüchtig aufeinander schauen, dass nur keiner zu viel Macht bekommt, unter dem Eindruck einer globalen Weltgemeinschaft klug werden, ehe es in politischer Bedeutungslosigkeit versinkt?

Dem historischen Treffen in Washington wohnte aber auch ein zutiefst menschlicher Faktor inne. Eingeladen waren Staatschefs, aber es kamen Menschen. Zum Beispiel die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner in atemberaubenden High Heels und kurzem Rock. Ein saudischer König, der Muslim ist und dessen Glauben Zinszahlungen eine Sünde nennt. Der chinesische Präsident, in dessen Tradition offene Worte als Beleidigung gelten. Es sind kühle, herzliche, cholerische, berechnende oder nüchterne Charaktere unter den 20. Es wäre falsch anzunehmen, dass sie lediglich Vertreter der Machtinteressen ihres Landes oder ihrer Blöcke sind. Sie reagieren menschlich, lernen sich kennen, fragen sich: Wem kann ich trauen? Wenn im Mai 2009 in London die nächste Sitzung der G20 stattfinden wird, könnte schon ein Anflug von Selbstverständlichkeit und Routine bei diesem Treffen der Weltgemeinschaft Einzug halten. Und das wäre dann wirklich ein gutes Zeichen.

Foto: Jim Young/Reuters