In Ergneti lebten einmal 177 Familien, nun biegt der Wind das Blech von zerbeulten Dächern, es dröhnt. Kaputte Türen quietschen. Ergneti, ein georgisches Geisterdorf, 120 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Zerstört, verlassen, gespenstisch.

Zwei Frauen tauchen auf, im Hof von Lena Jokhadse säubern sie Bohnen. "Lena, Besuch!", rufen sie, und die Hausherrin, 78 Jahre alt, reibt ihre schwieligen Hände an der geblümten Schürze sauber. Sie liebt dieses Dorf, sie liebt ihr prächtiges Haus mit der Veranda und der Balustrade, von dem jetzt nichts mehr steht außer der Fassade. Alles abgebrannt. Für Lena Jokhadse, die Hausherrin ohne Haus, war der August der schönste und der schrecklichste Monat ihres Lebens.

Keine Nacht hat sie in ihrem neuen Haus geschlafen. Am sechsten August waren sie damit fertig geworden, am achten begann der Krieg zwischen Georgien und der autonomen Provinz Südossetien, georgisches Militär beschoss die südossetische Hauptstadt Zchinwali, keine 20 Minuten Fußweg von Lenas Hof entfernt. Russland schickte Tausende Soldaten. Am zwölften August war die georgische Niederlage nicht mehr wegzureden. Georgische Truppen zogen sich zurück, südossetische Milizen brannten Lenas Haus nieder, und russische Truppen nahmen gut ein Fünftel von Georgien ein.

Fast drei Monate ist es her, dass der französische Präsident Nicolas Sarkozy seinen Kollegen Dmitrij Medwedjew aufsuchte und einen Friedensplan mit sechs Punkten vorlegte. Dieser Sechs-Punkte-Plan hat den Krieg zwischen Georgien und Russland beendet, aber längst keinen Frieden geschaffen.

Vereinbart war, dass sich russische Truppen auf die Grenzen vor dem 7. August zurückziehen. Das haben sie an den Grenzen zu Abchasien und Südossetien immer noch nicht getan. Im Osten hätten sie aus der georgischen Region Akhalgori gehen, im Westen das verarmte Bergdorf Perevi verlassen müssen. In andere Dörfer dürfen die Menschen zwar zurück, aber ihre Häuser sind zerstört. Und nachts pfeifen noch immer die Kugeln.

Wer in den Grenzdörfern zwischen Georgien und Südossetien wohnt, ist dem Krieg näher als dem Frieden. Das Leben dort gleicht einem Drama von Samuel Beckett. Die Menschen warten auf irgendetwas und irgendjemanden, aber sie wissen nicht, was kommt, ein undurchsichtiger Nebel liegt über allem. Sie leben wie Figuren in einem absurden Stück, das sich Politiker in Moskau, Tbilissi und Zchinwali erdacht haben.

Drei Arten von Dörfern gibt es in der Grenzregion: jene, die vor dem Krieg georgisch waren und nun in russischer Hand sind; die, in die Flüchtlinge aus Angst am liebsten nicht zurückkehren würden, weil südossetische Milizen nahe gelegene Grenzstützpunkte kontrollieren und in den Dörfern plündern. Und zuletzt einst wohlhabende Dörfer wie Lenas Dorf Ergneti.