von FLORIAN ILLIES, fotografiert von Olaf Unverzart

Auf Seite sieben ahnt man, dass es ein gutes Buch werden könnte. Da wird die Hauptfigur Beck in einer verwanzten Stehtoilette einer Kaschemme in Neapel plötzlich von Wehmut befallen: "Man müsste die Zeit festhalten, dachte er. Sich einfach drauf legen, sie ersticken, bis sie keine Luft mehr bekommt…" Genau in der Sekunde jedoch, in der die Geschichte ein erstes Mal im Pathos zu ersticken droht, bäumt sie sich erfolgreich dagegen auf: "Bis sie keine Luft mehr bekommt? Die Zeit oder was? Beck schüttelte nur den Kopf." Man ist ja als Leser doch sehr dankbar, wenn man merkt, dass ein Autor ganz genau weiß, wann seine Texte zu sauerstoffarm werden und umzukippen drohen.

Zumal wenn der Autor, also Benedict Wells, wie in diesem Fall erst 23 Jahre alt ist. In den letzten Kapiteln seines Debütromans Becks letzter Sommer gelingt es Wells sogar, eine weitere selbstreferenzielle Ebene einzubauen, die als "Beck und Ich" bezeichnet wird – eine gefährliche Konstruktion, die wie eine mühsame metapoetologische Laubsägearbeit wirken könnte, hier aber mit einer handwerklichen Sicherheit eingebaut ist, die von großer Natürlichkeit und dramaturgischer Logik ist. Bei seinen Perspektivwechseln und Wirklichkeitsbrechungen denkt man erfreulicherweise nur an Gegenwart, nicht an ausgediente formalistische Spielereien. Beziehungsweise: Man denkt gar nicht darüber nach, sondern liest neugierig weiter.

Becks letzter Sommer wirkt dennoch nicht wie ein Debütroman. Liest man dagegen etwa Julia Zanges Die Anstalt der besseren Mädchen oder Alina Bronskys Scherbenpark, zwei andere literarische Erstlingswerke aus diesem Jahr, dann spürt man das existenzielle Vibrieren, den typischen autobiografischen Winterschlussverkauf des Debüts, Motto: "Alles muss raus." Wells jedoch erzählt beruhigenderweise in seinem Buch kein Wort von jener Odyssee durch bayerische Internate, die er laut Klappentext-Biografie erlebt hat, sein Held Beck ist ein durchschnittlicher 37-jähriger Musiklehrer an einer staatlichen deutschen Schule. Statt der ermüdenden Aufzählung von modischen Getränken, Bands oder Kleidermarken, mit denen Zeitgenossenschaft dokumentiert werden soll, heißt es nur einmal, ganz lapidar: "Es war Montag, der 22. Februar, Ende der Neunziger, diesem vergeudeten Jahrzehnt." Und die Musik, um die das Debüt des 23-jährigen Benedict Wells im Wesentlichen kreist, ist die von Bob Dylan.

Offenbar also hat der Autor wirklich eine Geschichte zu erzählen. Und die ist so angenehm grotesk und sonderbar, wie es sich für einen vernünftigen, eingängigen Plot schon immer gehörte: Es geht also hier unter anderem um die Entdeckung eines 17-jährigen litauischen Gitarrenwunderkindes durch den gelangweilten Musiklehrer Beck, dessen deutsch-afrikanischen Freund Charlie und deren gemeinsame Autofahrt von München durch den halben Ostblock nach Istanbul. Unter anderem, wie gesagt. Es geht vor allem um Ideale, Utopien und warum man sie andauernd verraten muss. Noch wichtiger aber ist, wie es Wells gelingt, mit unprätentiöser, scheinbar beiläufiger Sprache und wenigen Worten nuancenreich Persönlichkeiten und Atmosphären zu zeichnen. Und wie er das Tempo mit seinen ausufernden Dialogen anzuziehen vermag oder subtil drosselt, bis die Geschichte und die Zeit fast anzuhalten scheinen – um dann plötzlich in einen furiosen Monolog überzugehen, das erinnert sehr genau an die musikalischen Tempiwechsel des litauischen Gitarrengottes aus seinem Buch.

Dass Wells mit seinem Debüt direkt bei Diogenes gelandet ist, ist kein Zufall, denn seine Sprache passt sehr genau zu jenem charakteristischen lebenssatten und unzerknautschten Diogenes-Tonfall, der zwischen Jakob Arjouni, Philippe Djian und Martin Suter zwar manche Dialekte kennt: aber keine Manierismen, keine Verquastheit, keine Bildungshuberei. Und mit Benedict Wells jetzt einen neuen, ganz eigenständigen Exponenten.

Benedict Wells: Becks letzter Sommer