Wirtschaft, so der beliebte Gemeinplatz, erst recht aber Wirtschaftspolitik – das sei vor allem Psychologie. Ausgerechnet die rechenhafte Disziplin der Ökonomie soll also letztlich Gefühlssache sein? Selbst Karl Schiller, der erste deutsche Superökonom nach Ludwig Erhard, konnte am Anfang der kleinen Rezession zur Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zunächst nur achselzuckend feststellen: "Die Eimer sind voll, aber die Pferde saufen nicht." Wenn man also heute, am Beginn einer möglicherweise großen Rezession, doch wieder Pferdeflüsterer und Psychologen braucht, um die Massen der Verbraucher, Sparer, Unternehmer, Banker, also der Wirtschaftssubjekte (und damit die Wirtschaft insgesamt) wieder in Schwung zu bringen – wo könnte man dann besser nachschlagen, als bei Gustave Le Bon, dem Arzt, der mit seinem 1895 veröffentlichten Bestseller die Psychologie der Massen regelrecht erfunden hat. Freilich wird man nach der Lektüre kaum mehr von Wirtschaftspolitik verstehen und schon gar nicht konkrete Handlungsanweisungen ableiten können. Aber der Leser (und handelnde Politiker) dürfte zumindest eine Ahnung davon bekommen, worauf sich jemand einlässt, der Politik in der Demokratie betreiben und Massen (sowie die Macht) für seine Absichten gewinnen will. Furchtbar rational und berechenbar, das sei vorweg verraten, geht es dabei so wenig zu wie in wirtschaftlichen Krisen.

Allerdings sollte man bei der Lektüre entschlossen alles Zeitbedingte überspringen – und sich nicht allzu besorgt fragen, ob Le Bons Thesen wirklich ins Fach empirischer Wissenschaft gehören oder nicht doch eher in die Rubrik pessimistischer Kulturkritik. In der Tat verdankt sich die Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zum Thema der sozialen "Massen" (von Le Bon bis Ortega y Gasset) zu einem guten Teil dem Ressentiment und dem Verlustgefühl der bürgerlichen und intellektuellen Eliten gegenüber dem politischen Aufstieg der kleinen Leute – man kann auch sagen: gegenüber der unaufhaltsamen Demokratisierung. Zieht man aber all diese Einschränkungen ab, bleiben doch einige plausible Beobachtungen übrig – aufgrund derer man zwar noch nicht weiß, wie der Wirtschaftspolitiker sich in der Krise verhalten soll, wohl aber, weshalb wir hineingeraten sind.

Folgt man Le Bon, so wird eine soziale Masse nicht so sehr durch die große Zahl der in ihr enthaltenen Menschen bestimmt. Wichtiger ist ihm, dass in der Masse, die auch schon bei einem Dutzend Leute anfangen kann, die Individuen ihr Verhalten grundsätzlich ändern. In der Masse lassen sich Leute kaum noch durch rationale Erwägungen bestimmen, sie werden von vagen Bildern angefeuert, nicht etwa durch geprüfte Gründe überzeugt. Deshalb nivelliert sich in der Masse auch notwendigerweise jene Kluft, die einen Akademiker als Individuum von einem Banausen trennen würde: Der Professor handelt darin so töricht wie der Ungebildete. Beide folgen kaum noch nüchtern ihrem wohlverstandenen Eigeninteresse, beide lassen sich auf Risiken ein und feuern einander zu noch riskanteren Unternehmungen an, die sie, bei klarem Verstand (also außerhalb der Masse) ohne Weiteres als völlig unvernünftig erkennen würden. Es fällt wahrlich nicht schwer, diese Thesen Le Bons anhand des Verhaltens der (Masse der) risikobesessenen Börsianer, der (Masse der) verführten und verführbaren Anleger und der verschreckten Verbraucher zu illustrieren. Das Dumme an allen kulturkritischen Verfallstheorien ist allerdings dieses: Sie erklären scheinbar einleuchtend, weshalb alles abwärts geht, nicht aber, wie man wieder aufsteigen könnte. Vielleicht braucht es dazu dann doch der Vernunft, sei’s drum: auch der psychologisch geschulten Vernunft.

Gustave Le Bon: Psychologie der

Massen

Kröners Taschen- ausgabe, Stuttgart 1982; 198 S., 10,30 €