von Christoph Dieckmann, fotografiert von Andreas Mühe für ZEITLiteratur

Die Reise zu Tellkamps Turm begann mit dem Wetterbericht. Wenn schon kein Schnee zur Verfügung stand, um die epische Kulisse buchgerecht einzuzaubern, dann sollte sie wenigstens leuchten. Die Tagesschau versprach den letzten goldenen Oktobertag. Der Morgendunst hob sich, als der Zug Dresden erreichte und zwischen Neustadt und Hauptbahnhof die Elbe überquerte. Die Kuppel der Frauenkirche schimmerte licht, "die Hofkirche lag wie eine behäbige Ente querschiffs zum Fluss und schien in Schlaf gebacken inmitten der Aufregungen des Morgenverkehrs; die Elbe, graubraun geschuppt, glich einem Saurier, der träge vorwärtskroch".

Nein, das tat die Elbe nicht.

Wir kamen, um die Tellkampschen Betörungen zu prüfen. Was tat die Elbe? Sie glitt behaglich durch die Auen. Sie durchbummelte die Stadt, irrtümlich schien uns: gen Süden, entlang der Weinhänge, begleitet von Radlern und Hunden. Sie passierte das Lingnerschloss, bis sie das Vorstädtchen Loschwitz erreichte, wo den Strom das Blauen Wunder überspannt. Wir liefen über die berühmte Brücke, laut Tellkamp ein "filigranes Doppelzelt". Oder ein übers Wasser gestürzter Eiffelturm.

Hier beginnt der Roman: mit dem Rumpumpel der Standseilbahn, die seit 1895 durch zwei Tunnel und über einen Viadukt aus den Dresdner Niederungen in die Oberwelt führt. "Der Turm", der Weiße Hirsch, entstand zwischen 1890 und 1905 als Siedlungsgebiet gehobener Kreise. Die Bergstation ist ein Tempel. Gegenüber liegt der Luisen- alias Sybillenhof, wo Tellkamps Turmgesellschaft Fasching feiert. Zu Recht heißt die Terrasse der Balkon von Dresden. Ein elysisches Panorama tut sich auf. Das Gegenlicht zerglänzt alle feste Kontur. Tief unten im Tal gleißt der silberne Strom.

Tatsächlich, wie verwunschen liegt der Weiße Hirsch. Vermutlich wollten die Architekten ein Märchenbuch illustrieren, mit kleinen Burgen und Schlössern, mit Türmen und Zinnen, mit hölzernen Loggien und Jugendstilbalkonen, mit Dachreitern, Spitzkugeln, Kissenhauben, mit Faunen, Putten, Wasser speienden Delfinen und Zäunen aus schmiedeeisernen Joringelblumen. Goldlaub rieselt von den Platanen, an den Wänden lodert wilder Wein. Das Kirchlein scheint aus Finnland hergehext, und die Pastorin heißt wahrhaftig Wunderwald. Allerdings ging Patina verloren. Nach der Wende wurde hier auf deutsche Art saniert, so wie es Rechtsanwälte, Galeristen, Wellness-Unternehmer lieben. Die zogen her, viele Alteingesessene fort.

Da geschieht es, auf der Plattleite. Er kreuzt unseren Weg, von links nach rechts: Chakamankabudibaba, der korpulente Zauberkater, mit wehendem Rossschweif.