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er Kaiser hat abgedankt. Die Revolution hat in Berlin gesiegt", notierte Harry Graf Kessler, der Kunstmäzen und Diplomat, am 9. November 1918 in sein Tagebuch. "Mir griff es doch an die Gurgel, dieses Ende des Hohenzollernhauses; so kläglich, so nebensächlich, nicht einmal Mittelpunkt der Ereignisse." Nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland räumten die gekrönten Herrscher ohne Widerstand, fast freiwillig, das Feld. Dieses geräuschlose Verschwinden der einst so selbstverständlich respektierten Institution der Monarchie im Herbst 1918 zählt zu den merkwürdigsten Vorgängen der jüngeren deutschen Geschichte. Und dennoch hat sich die Geschichtsschreibung erstaunlich wenig dafür interessiert.

Dieses Versäumnis macht nun Lothar Machtan endlich wett. Der Bremer Historiker hat bereits vor zwei Jahren mit einer kritischen Biografie des Kaisersohnes und Naziförderers August Wilhelm ("Auwi") ein dunkles Kapitel in der Geschichte des deutschen Hochadels aufgeblättert. Auch für sein neues Buch hat er fleißig in den Archiven der ehemaligen Fürstenhäuser geforscht und viel unbekanntes Material zutage gefördert. Gestützt auf ein breites Quellenfundament, sucht er die Frage zu beantworten, wie es zu der "fast lautlosen Implosion des gesamten monarchischen Systems" kommen konnte.

Machtans These lautet: "Die Monarchie in Deutschland wurde 1918 nicht mit Brachialgewalt gestürzt, sondern sie starb (mit ein wenig Nachhilfe) eines natürlichen Todes." Noch am Vorabend des Ersten Weltkrieges hätte sich kaum jemand dieses unrühmliche Ende vorstellen können. Zum 25-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II. 1913 versammelten sich die 22 deutschen Bundesfürsten, darunter vier Könige, etliche Großherzöge und Herzöge, im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses – ein Höhepunkt monarchischer Festkultur.

Doch Machtan zeigt, dass sich hinter der glanzvollen Fassade bereits vor 1914 viel Konfliktstoff angestaut hatte. Das System der konstitutionellen Monarchie, wie es Bismarck zum Schutz gegen das Prinzip der Volkssouveränität in der Verfassung von 1871 verankert hatte, war mit den Bedürfnissen einer dynamischen Industriegesellschaft und eines sich rasant entwickelnden politischen Massenmarktes immer weniger in Einklang zu bringen.

Im Weltkrieg wurde dann rasch sichtbar, wie wenig dieses System einer ernsthaften Belastungsprobe gewachsen war. Zum raschen Verfall monarchischer Autorität trug zuallererst Wilhelm II. bei. Seine Rolle als Oberster Kriegsherr, der die militärischen und zivilen Anstrengungen koordinieren sollte, vermochte er zu keinem Zeitpunkt auszufüllen. Aber auch die meisten anderen deutschen Fürsten versagten kläglich vor den Anforderungen, die der totale Krieg stellte. Sie berauschten sich an uferlosen Kriegszielen auch dann noch, als das Scheitern des deutschen strategischen Plans längst zutage lag. Soweit sie sich überhaupt an die Front begaben, lernten sie, wie Machtan schreibt, "den bewaffneten Kampf vorzugsweise durch das Scherenfernrohr kennen", als Schlachtenbummler also, die von den entsetzlichen Leiden der Soldaten in den Schützengräben nichts wussten und auch nichts wissen wollten.

Dennoch – davon ist der Autor überzeugt – hätten die Monarchen die sich spätestens im Jahr 1917 abzeichnende Systemkrise überstehen können, wenn sie rechtzeitig den Ruf nach demokratischen Reformen aufgegriffen hätten. Stattdessen verteidigten sie zäh ihre Privilegien und beschleunigten damit nur ihre Selbstdemontage. "Sie hatten", so Machtan, "offenbar jeden Blick für die Belastbarkeit ihres Herrschaftssystems verloren. Sie klammerten sich an die Bulletins der Heerführer, wonach die militärische Lage des Reiches glänzend sei, und vernachlässigten dabei den horrenden Preis, den das Volk dafür zu bezahlen hatte."