Und noch einmal das Drama? Wir sind doch schon so oft die Strecke mit Hanns Martin Schleyer gefahren, der Kinderwagen, die Schüsse; wir haben mit der GSG9 die Kölner Hochhäuser gefilzt und mit dem Kanzler und seiner »kleinen Lage« kettenrauchend die Krise bewältigt, ob im Spielfilm, in der Dokumentation oder dem hybriden Dokudrama.

So geht es jedenfalls los, und der Schnitt zum Bonner Bodenpersonal kommt dann immer wieder; trotz guter Schauspieler wirkt das inzwischen fast komisch. Dabei will der Autor von Mogadischu, Maurice Philip Remy, ja eigentlich eine andere Geschichte erzählen, die Geschichte jener 82 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder des Lufthansa-Jets Landshut, den vier junge palästinensische Terroristen entführten, von Mallorca nach Mogadischu, vom 13. bis zum 17. Oktober 1977, als der Wahnsinn durch die GSG 9 beendet wird: Das deutsche Sondereinsatzkommando stürmt das Flugzeug in Somalia, befreit Passagiere und Besatzung, tötet drei der vier Terroristen – Dauer: sieben Minuten. Remy will die Opfer zeigen und einen Helden erschaffen, den Flugkapitän Jürgen Schumann, er wurde von »Captain Mahmud«, dem Anführer, hingerichtet, im Flugzeug, kniend.

Der Horrorkosmos Landshut wird hier filmisch zum ersten Mal vermessen, mit Schauspielern und Komparsen, mit einer Kamera, die dem Spielfilm dokumentarischen Charakter verleiht, gedreht in Casablanca in einer echten Boeing 737, zehn Tage lang chronologisch und in großer Hitze.

Etwas, das bislang ungeklärt geblieben ist und das den Piloten das Leben kosten sollte, hat den Autor des Films lange beschäftigt. In Aden, nach einer erzwungenen Landung neben der von Panzern blockierten Piste im Sand, durfte der Pilot kurz das Flugzeug verlassen, um es zu inspizieren. Er blieb zu lange weg und kam schließlich, von Soldaten begleitet, zurück. Was hatte er gemacht? Hatte er fliehen wollen?

Dem Autor Remy ist es gelungen, den damaligen Kommandanten des Flughafens von Aden zu finden, Scheich Achmed Mansur. Zu ihm war der Pilot verschwunden, er habe ihn gebeten, das Leben der Passagiere zu retten, auf die Bedingungen der Entführer einzugehen. »Unmöglich«, sagt der Scheich und zitiert Schumann: »Ich muss jetzt zum Flugzeug zurückgehen, ich weiß, dass sie mich umbringen werden. Ich bedaure, dass Sie mir nicht helfen können, aber ich musste es versuchen.« Jürgen Schumann wird von Thomas Kretschmann dargestellt, ohne Pathos zum Glück.

Man kann sich allerdings jene Tage im Oktober 1977, als die RAF-Gefangenen aus Stammheim und zwei palästinensische Terroristen aus türkischen Gefängnissen freigepresst werden sollten, gar nicht dramatisch genug vorstellen. Die Landshut: Hitze, Terror, Tod, ein bestialischer Gestank nach Leichen, Fäkalien und Erbrochenem. Die Geiseln apathisch, irre, verzweifelt. Der Irrflug über Rom, Larnaka, Bahrein, Dubai, Aden, Mogadischu. Die Landeverbote, Beirut, Damaskus, Bagdad: closed . Und Landungen wider das Verbot, ohne Instrumente, ohne Sicht, fast ohne Sprit, im Wüstensand. Der Strom fällt aus, in der Kabine sind es 60 Grad.

Wer 1996 den Prozess in Hamburg gegen die überlebende Terroristin Souhaila Andrawes sechs Monate lang verfolgt hat, dem hat sich damals schon durch die bewegenden Zeugenaussagen vor allem des Kopiloten Jürgen Vietor und der Stewardess Gabriele Dillmann das Entsetzliche mitgeteilt, naturgemäß mit anderen Akzenten.

»Mogadischu«, der Film: Sonntag, 30. November 2008, 20.15 Uhr in der ARD. »Mogadischu«, die Dokumentation: Sonntag, 30. November 2008, 22.45 in der ARD.