Man kann die Berichte über die Anschläge von Mumbai sehr unterschiedlich lesen. Als eine neue Episode im Dauerkonflikt der Atommächte Indien und Pakistan. Als eine neue Form des Terrorismus, die mit schrecklich einfachen Mitteln ausgeführt werden kann – und daher auch schrecklich leicht wiederholbar scheint, eine Blaupause für weitere Attentate in jeder anderen Stadt.

Man kann diese Berichte auch als Warnung vor den Grenzen und Gefahren der Globalisierung verstehen. Das brennende Hotel Taj Mahal, das vielen reisenden Geschäftsleuten gut bekannt ist, stand in dieser Woche nämlich nicht allein. Da waren auch jene massenhaft gestrandeten Passagiere am Flughafen von Bangkok, Opfer eines nationalen Konflikts, der tagelang den Reiseverkehr lahmlegte. Es gab neue Piratenangriffe vor der Küste Somalias, und mancher Kapitän steuerte sein Schiff statt durch den Sueskanal lieber um das Kap der Guten Hoffnung, eine 20 Tage länger dauernde Fahrt. Es war auch eine Woche, in der wieder Ölpipelines in etlichen Ländern beschädigt wurden, angezapft von Dieben oder durchlöchert von Saboteuren.

Nimmt man all das zusammen, wird eine deutliche Warnung daraus: Vorsicht! Die goldenen Jahre des rasanten wirtschaftlichen Wachstums sind durch die Bankenkrise und die weltweite Konjunkturflaute nicht einfach nur unterbrochen. Sie kehren vielleicht nie zurück – es sei denn, wir bekommen ein paar grundsätzliche Probleme in den Griff.

Das Netz der wirtschaftlichen Globalisierung – jenes Geflecht aus Verkehrswegen und Datenleitungen, das Fabriken, Bevölkerungszentren, Verkehrsknoten und Rohstofflagerstätten zusammenhält – ist dünn, rissig und schutzbedürftig. Da führen Tausende Kilometer lange Treibstoffleitungen durch einsame Wüsten. Frachtschiffflotten zwängen sich durch gefährliche Nadelöhre wie die Straße von Hormus. Eine Armee von Managern reist von Land zu Land und steigt vertrauensvoll in internationalen Hotels wie dem Taj Mahal in Mumbai ab. Fabriken und Lagerhallen stehen an Orten, wo nicht klar ist, ob sie demnächst vom Staat konfisziert oder von einem Mob niedergebrannt werden.

In den vergangenen 25 Jahren sind solche Gefahren von der Politik und von den Konzernen vernachlässigt worden. Es waren Jahre der Euphorie, Gewinne heiligten die Sorglosigkeit, und tatsächlich passierte erstaunlich wenig. Nach den Ölschocks und dem schleppenden Wirtschaftswachstum der siebziger Jahre boten sich plötzlich hervorragende Bedingungen für eine Ausweitung der Weltwirtschaft: billiges Öl. Schneller beladbare Schiffe. Günstige Fracht- und Personenflüge. Durchbrüche in der Informatik und Telekommunikation, die es möglich machten, weltumspannende Netze von Herstellungsbetrieben zu verwalten. Immer feiner wurden die Produktionsabläufe aufgegliedert. Ein Millionenheer billiger Arbeitskräfte klinkte sich in diese globalen Produktionsabläufe ein.

Doch kann es bei dieser Form der Globalisierung auch sehr leicht sein, Städte und Verkehrswege, Knotenpunkte und Verbindungsstränge lahmzulegen. Einfacher denn je auch, einen Konzern zu attackieren. Man muss nicht einmal zur Firmenzentrale nach Atlanta oder München reisen. Es genügt, irgendeine Betriebsstätte zu treffen. Die Globalisierung ist anfällig, weil ihre Akteure überall auf der Erde zu finden sind.