Petra M. meidet Kaffeehäuser. Wenn sie sich verabreden will, dann lotst die 53-jährige Krankenschwester ihre Freundinnen unter Ausreden in ihre Gemeindebauwohnung in Wien-Margarethen. "Ich kann ja meine Cola auch bei mir zu Hause trinken", sagt sie trotzig und betrachtet ihre manikürten Fingernägel. Dass sie sich die 2,30 Euro für eine Cola einfach nicht mehr leisten kann, soll niemand erfahren. Über Geld habe sie eigentlich nie viel nachgedacht, erzählt sie. Damals nicht, als sie noch stapelweise Kleider aus dem Versandkatalog bestellte, obwohl sie mit ihrem Konto schon Tausende Euro im Minus war. Und auch dann nicht, als sie mit immer neuen Krediten die laufenden abdeckte. "Das Geld war irgendwann einfach weg, und ich wusste nicht, wofür ich es ausgegeben hatte", gesteht sie, und ihre dunkel geschminkten Augen sind weit geöffnet. Petra M. hat insgesamt 116.000 Euro Schulden angehäuft.

Jahrelang lebte sie über ihre Verhältnisse, wie hunderttausend andere Österreicher auch. "Wer nicht konsumiert, gilt in unserer Gesellschaft als blöd", sagt Alexander Maly, Leiter der Wiener Schuldnerberatung. Das Motto lautet: "Sparen ist nur für Spießer; man lebt auf Pump." Das Traumhaus finanziert ein Kredit, der Neuwagen wird geleast, und die Designerschuhe muss die überzogene Kreditkarte schon noch aushalten. Was sich Börsianer erlaubten, erklärte eine ganze Generation zu ihrem Lebensprinzip: Geld ausgeben, das einem nie gehörte. Zehn Prozent der Österreicher sind heute überschuldet. Laut dem Dachverband der österreichischen Schuldnerberatungen sind das etwa 350.000 Haushalte. Vor zehn Jahren waren es noch halb so viele.

Haben die Österreicher in dieser Zeit besonders viele Schicksalsschläge zu verkraften gehabt, plötzliche Todesfälle, den Verlust des Arbeitsplatzes, oder sind sie gar an der Börse unter die Räder gekommen? Keineswegs. Die häufigste Ursache, sagen Schuldenberater, sei viel banaler: hemmungsloser Konsum.

Ein Blick in Petra M.’s Wohnung verrät, wo ihr Geld geblieben ist. Die Dreizimmerwohnung gleicht einem Lagerraum für kitschigen Raumschmuck. Dicke böhmische Kristallschüsseln verstauben in verglasten Vitrinen. Daneben sind Weingläser und pausbäckige Engelsfigürchen aufgereiht. In der Küche präsentiert Petra M. ihre Kollektion Bierkrüge, die das gesamte Fensterbrett verstellt. Und am Türstock klebt ein kunstvoll gefertigter Taschentuchspender aus dunklem Holz. "Früher dachte ich, das Geld kommt schon irgendwie wieder rein", sagt die Sammlerin. Immerhin verdiene sie als Krankenschwester 2.300 Euro netto im Monat. Bis vor wenigen Jahren war ihr Kühlschrank noch voll gestopft mit Bio-Grapefruitsaft und Parmaschinken. Heute ist er nur mehr spärlich gefüllt mit Dicksaft zum Verdünnen und Extrawurst.

Frau M. zahlte ihre Einkäufe immer mit Kreditkarte und rutschte immer weiter ins Minus. In der Folge nahm sie Kredite auf, so lange, bis sie irgendwann den Überblick verlor. "Die Banken haben nicht gefragt, wofür ich das Geld ausgeben will. Das war sehr verlockend", gibt sie zu.

Der Universitätsprofessor hat genauso verlernt zu sparen wie die Kosmetikerin