Zu früh triumphiert. Lächelnd hatte Mahmut Ahmadineschad das Scheitern von Barack Obama bei der US-Präsidentenwahl vorausgesagt. Und der iranische Präsident sah ebenso sicher voraus, dass der Ölpreis noch in diesem Jahr die Grenze von 200 Dollar pro Fass durchbrechen würde. Nun ist der Ölpreis unten und Barack Obama obenauf.

Jetzt ist guter Rat teuer für Ahmadineschad. Der Iraner hatte schon vor dem Absturz des Ölpreises auf rund 50 Dollar in diesem Herbst Probleme genug. Seit dem Sommer üben Reformkräfte und Heckenschützen aus dem radikalreligiösen Lager ätzende Kritik an seiner Wirtschaftspolitik. Auf große Versprechen sei Verderben gefolgt. Inflationsraten von bis zu 30 Prozent plagen die Bürger. Der Präsident hat per Dekret Banken gezwungen, Kredite für einen nur halb so hohen Zinssatz zu vergeben. Das hilft der Wirtschaft bisher kaum, treibt aber die Banken allmählich in den Ruin. Viel Manövriermasse hat die Regierung nicht mehr. Von rund 200 Milliarden Dollar Öleinnahmen in den vergangenen drei Jahren seien noch 25 Milliarden übrig geblieben, sagen Haushaltsexperten in Teheran.

Alle Versuche, das Loch im Haushalt zu stopfen, sind bisher fehlgeschlagen. Im Vorjahr führte die Absicht der Regierung, das subventionierte Benzin zu rationieren, zu Unruhen. Im September wollte der Präsident eine Mehrwertsteuer von bescheidenen 3 Prozent einführen. Darauf probten die sonst stockkonservativen Basarhändler den Aufstand, erstmals seit der Revolution von 1979. Ahmadineschad nahm auf seine Wähler Rücksicht und verzichtete auf die Steuer.

Deshalb mussten seine Budgetwächter auf einen hohen Ölpreis setzen. Für einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt benötigten die Iraner einen durchschnittlichen Ölpreis von mindestens 90 Dollar pro Fass, sagt der Internationale Währungsfonds, derweil Saudi-Arabien mit 49 Dollar und die Vereinigten Arabischen Emirate mit 27 Dollar auskämen. Die moderaten arabischen Ölmächte haben beim jüngsten Opec-Treffen auf weitere Produktionskürzungen verzichtet, um den Preis hochzutreiben. Das Kartell will in der zweiten Dezemberhälfte neu beraten. Iran leidet unter dem Aufschub. Das Land zieht 80 Prozent seiner Staatseinnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas. Auf internationale Kredite darf der isolierte Staat nicht hoffen. All das quält Ahmadineschad vor allem deshalb, weil er sich im Juni nächsten Jahres zur Wiederwahl stellen muss. Seine Widersacher haben beste Argumente gegen ihn, während ihm das Geld ausgeht, um das Wahlvolk für sich einzunehmen.

Bisher setzte Ahmadineschad auf eine Wunderwaffe, wenn die wirtschaftliche Lage sich eintrübte: Sie hieß George W. Bush. Die militante Politik des US-Präsidenten im Mittleren Osten erlaubte ihm in den vergangenen Jahren, die schiitischen Massen in Iran hinter sich zu scharen. Mehr noch: Bush half Ahmadineschad, in vielen sunnitischen Ländern den iranischen Einfluss zu erhöhen, die proamerikanischen Regierungen Arabiens zu unterminieren, die ehemals sunnitische Hochburg Irak zu einem schiitisch dominierten Staat im Schatten Teherans zu machen.

Doch auch hier verlässt die Fortune den iranischen Präsidenten. Barack Obama hat die Wahl ganz klar gewonnen. In Washington treten die streitbaren republikanischen Außenpolitiker ab, eine Charmeoffensive des neuen Präsidenten im Mittleren Osten steht bevor. Mit dieser Tonlage kommt Ahmadineschad schlecht zurecht. Verdruckst sandte er Obama nach dessen Triumph ein Glückwunschtelegramm. Zugleich aber schickte das iranische Militär eine moderne Rakete mit einer Reichweite von 2000 Kilometern zu einem Test in den Himmel. Solche Signale hatte George W. Bush verstanden.

Die Nöte des Iraners sind schadenfrohen konservativen Kolumnisten in den Vereinigten Staaten nicht entgangen. Freudig rufen sie das "Ende der Petrodiktatur" in Nahmittelost aus und meinen, alles werde gut, wenn nur der Ölpreis falle.