Zunächst das Positive, das vergisst man neben all den Hiobsbotschaften der Finanzkrise leicht: Europa und der Euro haben ihre Feuerprobe bestanden! Geradezu souverän haben die Union und ihre Währung in dieser Krise ihren Wert bewiesen, Bürger und Wirtschaft geschützt, während die Banken krachten und viele andere Währungen auf der Welt purzelten. Selbstverständlich ist das keineswegs. Noch vor nicht allzu langer Zeit haben selbst renommierte Ökonomen das Ende des Euro für die Zeit vorhergesagt, in der erste große Turbulenzen aufträten. Die Idee der EU als stabile wirtschaftlich-politische Einheit wurde dabei gleich noch mit begraben. Welch ein Irrtum – zum Glück.

Niemals hätten die Deutsche Mark und die hiesige Exportwirtschaft diese Krise – und die damit verbundene Aufwertungsspirale – so gut überstanden wie der Euro und die Währungsunion. Ohne Wirtschaftsgemeinschaft wären Europas Regierungen nicht in der Lage gewesen, so schnell und koordiniert auf diese Krise zu reagieren. Und ohne das Gewicht eines EU-Ratspräsidenten hätten sie in Washington die Neuordnung der globalen Finanzmärkte nicht so vehement propagieren können. Kein Wunder, dass von Island über Dänemark bis nach Osteuropa die Mitgliedschaft im Euro-Verbund derzeit neue Fans gewinnt. Und dass selbst im traditionell europaskeptischen Großbritannien die Zustimmung zur EU erstmals seit Langem wächst.

Damit enden die positiven Nachrichten. Leider legt die Finanzkrise zugleich schonungslos offen, dass Europa dringend weiter umgebaut werden müsste. Sie offenbart, wer das verhindert. Und an welchem Werkzeug es fehlt.

In der kommenden Woche, auf dem Gipfel in Brüssel wird diese Baustelle zu besichtigen sein. Dann werden die Regierungschefs zwar offiziell schöne Bekenntnisse zum gemeinsamen Handeln ablegen. Aber hinter den Kulissen könnte der Streit die Stimmung vermiesen. Schließlich trennen die Europäer mindestens zwei Schulmeinungen: Die Mehrheit, angeleitet vom französischen EU-Ratspräsidenten Nicolas Sarkozy, will die drohende Wirtschaftskrise durch eine möglichst kräftige gesamteuropäische Konjunkturspritze schnell überwinden. Die andere Seite, die Bundeskanzlerin Angela Merkel inzwischen fast allein vertritt, wirbt fürs Abwarten.

Dieser Meinungsstreit allein wäre noch nicht schlimm, schließlich entsteht gute Politik oft erst durch ernsthafte Debatten. Schlimm wird die Situation indes durch den mangelnden Zwang zum gemeinsamen Handeln. Denn Europa hat zwar eine echte Währungsunion – aber nur eine sehr unvollkommene Wirtschaftsunion. Die EU-Verträge lassen den Regierungen in der Wirtschaftspolitik weitgehend freie Hand: Keine Regierung kann dazu gezwungen werden, ihre Haushaltspolitik mit den Partnerländern abzustimmen, es sei denn, sie stürzt sich in die Verschuldung.

Zu Beginn der Krise trat das Manko noch kaum zutage. Als die ersten Banken zusammenbrachen, handelten die Regierungen in Paris, London und Berlin koordiniert und schnell, weil die Angst vor dem Zusammenbruch des Kapitalismus sie dazu trieb. Die EU erleichterte ihnen das, schon weil sich die Chefs durch die ständigen Gipfel gut kennen und manches schnell über das Telefon klären können. Nach kurzem Zögern der Bundesregierung setzten sie allesamt den Bankenrettungsplan des britischen Premierministers Gordon Brown um, der am klügsten reagierte.

Doch mit der Einigkeit ist es leider vorbei. Umstritten ist inzwischen nicht nur, ob und durch welche Konjunkturmaßnahmen die Wirtschaft vor der drohenden Rezession gerettet werden soll. Sondern gerade die Kanzlerin stellt auch das gemeinsame Handeln und die europaweite Koordination insgesamt infrage. Statt mit den anderen Regierungen die Programme und Pläne abzustimmen, verkündet sie lieber im nationalen Alleingang die Garantie für deutsche Sparkonten. Oder sie legt eine kleine Konjunkturspritze auf, die in erster Linie der heimischen Autoindustrie helfen soll.