Viele Bücher stehen in Stanislaw Karol Kubickis Haus im Berliner Stadtteil Britz. So viele, dass sich alle Regalbretter bedrohlich weit durchgebogen haben. Kubicki sitzt im Wohnzimmer zwischen den Bücherregalen und muss nicht lange nachdenken, bis die Erinnerungen wieder präsent sind, die Geschichten und Anekdoten. Als wäre alles vor Kurzem passiert, nicht vor 60 Jahren. "Wenn ich zurückschaue, sieht vieles aus, als hätte es so laufen müssen. Dabei war das meiste Zufall und Glück, ich habe einfach manchmal im richtigen Moment zugegriffen", sagt Kubicki.

Ein Jahr nach Kriegsende, 1946, kam der damals 22-Jährige aus russischer Gefangenschaft wieder in seine Heimatstadt Berlin und schrieb sich an der Universität für Medizin ein. "Ich war nach den Einsätzen an der Ostfront und nach dem Ende der Diktatur froh, endlich zu studieren, endlich an die Uni zu kommen", sagt er.

Lange währte seine Freude über die neue Zeit nicht. Denn die Berliner Universität am Boulevard Unter den Linden, die später in Humboldt-Universität umbenannt wurde, lag in jenem Sektor der Stadt, der von den Sowjets besetzt war. Diese stellten die Hochschule unter staatliche Kontrolle und ließen sie in eine kommunistische Kaderschmiede für die entstehende DDR umbauen. Bald gingen die Studenten am Haupteingang an roten Fahnen und einem Emblem der gerade gegründeten SED vorbei. Und bei diesen äußerlich sichtbaren Veränderungen blieb es nicht.

"Wir merkten schnell, dass die Kommunisten an unserer Universität keine freie Wissenschaft zulassen wollten", erinnert sich Kubicki. Die Bewerber wurden von jetzt an politisch überprüft, später richtete man eine Arbeiter-und-Bauern-Fakultät ein. Die Dozenten wurden auf Linie gebracht. "Bei vielen Studenten und Professoren stimmte anscheinend vor allem das Parteibuch, die Leistung war wohl nicht so wichtig", sagt Kubicki. Er und seine Kommilitonen wollten sich damit nicht abfinden. Mit einigen älteren Studenten gründeten sie die Zeitschrift Colloquium, besorgten eine Lizenz der Amerikaner und schrieben an gegen Bevormundung und Politisierung in der Universität.

Die Verantwortlichen der Uni schauten sich das nicht lange an und suspendierten drei Redaktionsmitglieder vom Studium. Damit lösten sie einen Protest aus, an dessen Ende 1948 eine neue Universität in West-Berlin stand, die heutige Freie Universität (FU). Eine wichtige Station auf dem Weg zur neuen Hochschule war die Küche der Kubickis in Berlin-Britz. "Hier im Haus luden meine Mutter und ich oft zum Sonntagsfrühstück ein. Da waren viele dabei, die später die FU mitgründeten. Wir redeten über die aktuellen Ereignisse, die uns alle bewegten. Wir diskutierten, was nun zu tun sei, was wir tun könnten. Und manches, was wir damals besprochen haben, wurde später auch umgesetzt an der neuen Uni", sagt Kubicki. Zu diesem Zeitpunkt existierte eine neue, von politischen Zwängen freie Universität nur in den Köpfen der Redaktionsmitglieder des Colloquiums. Schnell aber wurde aus dem Traum ein konkretes Vorhaben.