DIE ZEIT: In den kommenden Monaten ist es wieder so weit: Viele Eltern werden es als eine mittlere Katastrophe erleben, dass ihr Kind keine Übertrittsempfehlung für das Gymnasium erhalten hat.

Ulrich Trautwein: Es mag diesen Eltern kurzfristig kein Trost sein, aber man sollte nicht vergessen, dass man auch mit dem Umweg über Haupt- und Realschulabschluss das Abitur erwerben kann.

ZEIT: In Berlin gibt es Überlegungen, wie in Süddeutschland die Übertrittsempfehlung durch verbindliche Kriterien zu ersetzen, die den Zugang zum Gymnasium möglicherweise stark einschränken und allein von der Leistung abhängig machen. Ist das nicht das Ende jeder Durchlässigkeit?

Trautwein: Über die spezielle Berliner Situation kann ich keine Aussagen treffen, aber grundsätzlich denke ich das nicht. In manchen Bundesländern wechseln bis zu einem Drittel der Realschüler in die gymnasiale Oberstufe. In Baden-Württemberg, das zeigen unsere Untersuchungen, hat immerhin rund jeder 20. Abiturient in seiner Schullaufbahn einmal die Hauptschule besucht. Aber wahr ist auch, dass wir immer noch zu wenig wissen, wie durchlässig unser Schulsystem wirklich ist. Darum brauchen wir dringend Längsschnittstudien, die sich Schülerlaufbahnen über mehrere Jahre und Bildungsetappen hinweg anschauen.

ZEIT: Genau so eine Studie haben Sie kürzlich gemeinsam mit Ihrem Kollegen Franz Baeriswyl von der Schweizer Universität Freiburg vorgestellt. Was haben Sie herausgefunden?

Trautwein: Nach sechs Jahren Grundschule folgen dort drei Jahre auf dem Gymnasium, auf der Sekundarschule, die der Realschule in Deutschland entspricht, oder einem dritten, unserer Hauptschule entsprechenden Bildungsgang. Das Spannende ist: Der Kanton Freiburg verwendet beim Übertritt nach der sechsten Klassenstufe ein ausgeklügeltes, standardisiertes System von Beurteilungen, Leistungstests und intensiver Beratung der Eltern. In dessen Folge finden sich bei diesem Übergang nur geringe Effekte des familiären Hintergrunds. In Freiburg gilt offenbar: Je verpflichtender die Kriterien für den Übergang sind, desto geringer ist die soziale Selektivität.

ZEIT: Nach der neunten Jahrgangsstufe steht in Freiburg ein weiterer Übergang an, der weitaus weniger reglementiert ist. Welche Folgen hat das?