Der große Kanton. So nennen Sie, liebe Schweizerinnen und Schweizer, mit einer gewissen humorigen Note Ihr nördliches Nachbarland. Drückt diese Formulierung in erster Linie die Verbundenheit aus, die auf der gemeinsamen Sprache, dem Deutschen, gründet? Oder ist sie Ausdruck des großen Respekts oder gar einer gewissen Angst? Letztere kommt jüngst in manchem Votum zum Ausdruck, das den größer werdenden Einwanderungsstrom aus Deutschland in die Schweiz thematisiert – oder kritisiert.

Spannungsfrei ist das Verhältnis zwischen ungleich großen Nachbarn nie. Die Deutschen sehen die Beziehung zur Schweiz allerdings meist harmonisch: Fast jeder kennt die Alpenrepublik als Feriendestination, hat sich von helvetischen Kulinarien verwöhnen lassen und empfindet das Rustikale im Schweizer Akzent als charmant. Doch es ist erst ein paar Wochen her, da formulierte der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück mit seiner Kritik am Schweizer Bankgeheimnis auch ein weitverbreitetes Unbehagen gegenüber dem südlichen Nachbarn. Er tat dies so deutlich, dass er Missmut unter den Schweizern erzeugte – während er in Deutschland Zustimmung fand.

Es gibt viele Themen, die diesseits und jenseits des Rheins für Emotionen, Spannungen, Zuneigung und Ablehnung sorgen. Schweizer und Deutsche sollten sie gemeinsam diskutieren. Warum nicht in einer gemeinsamen Zeitung? Ob Sprachenvielfalt, politisches System, Finanzwesen, geografische Lage – die Schweiz ist mit ihren vielen Gesichtern und ihrer großen Unabhängigkeit eine Besonderheit in Europa. Aber sie gerät auch zunehmend unter Druck, von außen wie von innen. Die Schweiz verändert sich, sie sucht eine neue Identität – in Europa, in der Welt. Wer sind die Figuren in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, die das Land voranbringen können? Wie sieht sich die Schweiz? Wie sehen andere das Land?

Es ist uns eine besondere Freude, dass wir an dieser Stelle künftig jede Woche zwei neue Seiten präsentieren können, die sich ausschließlich mit der Schweiz beschäftigen.

Von unserem neuen Schweizer Redaktionsbüro (unter der Leitung von Peer Teuwsen) aus wird die ZEIT das helvetische Geschehen wachsam verfolgen.

Kompetente Journalisten aus der Schweiz und aus Deutschland werden Analysen, Reportagen und Kommentare liefern, für die unsere Zeitung seit Generationen steht. Zum Auftakt haben wir im Dossier einige Aspekte des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens zusammengetragen, die den Schweizern derzeit einfach besser gelingen als den Deutschen.

Mit diesem und mit den folgenden Beiträgen wollen wir vor allem das gegenseitige Verständnis verbessern. Denn gute Nachbarschaft zeichnet sich besonders durch eine Eigenschaft aus: den Willen, voneinander zu lernen.Giovanni di Lorenzo