Wenn das kein gutes Zeugnis ist für den Forschungsplatz Schweiz: Von den 275 großzügigen Stipendien, die der Europäische Forschungsrat dieses Jahr vergeben hat, gehen rund zehn Prozent an Projekte mit Sitz in der Schweiz. Die kleine Eidgenossenschaft liegt damit in der Länder-Rangliste auf Rang drei – hinter England und Frankreich, aber knapp vor dem zehnmal so großen Deutschland.

Die meisten der ausgezeichneten Forscher sind – auch das ein Schweizer Spezifikum – Ausländer. Einer von ihnen ist der 59-jährige Österreicher Christian Körner, Professor für Botanik an der Universität Basel. Sein Projekt: Mit Labortests und Feldmessungen in ganz Europa will er herausfinden, unter welchen klimatischen Bedingungen einzelne Baumarten gerade noch wachsen können. "Eine der zentralen Fragen der Ökologie ist: Was wächst wo, warum und wie?", sagt Körner. "Auf diese elementare Frage haben wir heute nur für ganz wenige Organismen eine Antwort. Wir können nicht sagen, wieso an einer Stelle eine Eiche wächst und an einer anderen eine Buche. Das wollen wir nun herausfinden." Zwei Millionen Franken stehen ihm in den nächsten fünf Jahren dafür zur Verfügung.

Dass ausgerechnet Körner dieses Geld erhält, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Er ist ein scharfer Kritiker der Europäischen Forschungspolitik. Der Widerspruch erklärt sich in einer radikalen Umkehr in der Strategie: Erstmals wurde ein Teil des Geldes dieses Jahr nicht nach irgendwelchen Planzielen vergeben – die einzigen Kriterien waren vielmehr der Leistungsausweis des Antragstellers und die Exzellenz seines Projekts. Eigens dafür haben die EU und weitere europäische Länder letztes Jahr den Europäischen Forschungsrat gegründet, der nun zum ersten Mal Gelder verteilt hat.

In den bisherigen Programmen hat Brüssel häufig auf außerwissenschaftliche Kriterien geschielt – etwa auf die internationale Zusammenarbeit. Manche sprachen spöttisch von den "Alibigriechen", die nur deshalb in ein Projekt rutschten, weil sie als Exoten die Chance auf Förderung erhöhten. "Wie viel akademisches Potenzial ist da verschwendet worden!", sagt Professor Christian Körner. "Wofür setze ich mich denn hin und investiere viel Zeit in ein Konzept, wenn am Schluss gar nicht nach der Qualität meines Konzepts entschieden wird, sondern nach politischen Kriterien?" Viele arrivierte Forscher habe dies dermaßen abgeschreckt, dass sie sich gar nicht mehr bewarben.

Beim neuen europäischen Forschungsprogramm ist nun alles anders: Der Zwang zum "Pseudo-Networking" (Körner) ist weg. Und, oh Wunder, die Bürokratie wird zurückgebunden. "Früher wurde praktisch jeder Millimeter Bewegung bürokratisch überwacht", sagt Christian Körner. "Jetzt spüre ich zum ersten Mal, dass mir als Forscher vertraut wird." Dieses Vertrauen und die damit verbundene Freiheit gebe einem überhaupt erst die Motivation zum Forschen: "Es ist zutiefst menschlich, dass wir nur wirklich wollen, wenn wir dürfen, anstatt sollen." Mathias Plüss

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