klassik

Wenn ein Kind Klavier – im Wortsinn – spielt, reicht dann nicht manchmal schon ein einzelner, vielfach wiederholter Ton für einen ganzen Tanz? Können dann nicht drei Töne ein klingendes Schlachtengemälde erzählen, ein paar, mit den Handflächen auf die Tastatur gepatschte Cluster einen Witz erzählen und wenige Glissandi ein Märchen aus dem Zauberwald?

Wenn György Kurtág Klavier spielt, ist es genauso. Aus einer einzigen Geste, einem Gedanken, einem Motiv wird Musik, entsteht, für kurze Momente nur, eine ganze Welt. Játekok, Spiele, heißen jene hoch verdichteten Miniaturen, von denen der ungarische Komponist bislang an die dreihundert notierte. Sein Landsmann Gábor Csalog spielt eine Auswahl daraus auf CD und bietet mit diesen Charakterstücken einen Schlüssel zum gesamten Werk des Komponisten. Nicht nur, weil die Sammlung der Játekok als anspruchsvolle und abwechslungsreiche Klavierschule in der Tradition des bewunderten Béla Bartók und dessen Mikrokosmos steht. Sondern auch, weil sie Kurtág zugleich als klingendes Tagebuch dient, als ein Album expliziter Hommagen an Bach, Beethoven, Schumann, Varèse oder Ligeti und als eine "Werkstatt für mein Leben", als Labor, aus dem die Keimzellen zu vielen späteren Werken stammen.

1979 veröffentlichte Kurtág den ersten Band seiner bis heute offenen Spielesammlung. Gedacht ist sie auch als Klavierschule; die meisten der oft nur wenige Takte langen Stücke sind technisch einfach zu bewältigen. Doch eine durchorganisierte Unterweisung im Klavierspiel stellen die Játekok nicht dar; eher eine Möglichkeit zum Experimentieren. "Spiel ist Spiel. Es verlangt viel Freiheit und Initiative vom Spieler", schreibt der Komponist im Vorwort und verlangt auch für seine Stücke, was für jedes Spiel gilt: "Das Geschriebene darf nicht ernst genommen werden, das Geschriebene muss todernst genommen werden – was den musikalischen Vorgang, die Qualität der Tongebung und der Stille anbelangt." So kurz seine Játekok sein mögen, so skrupulös sind sie ausformuliert. Präzision prägt all seine Musik, verpackt in klingende Splitter, die sich zu fantastischen Mosaiken zusammenfügen. In ihrer minimalistischen Rigorosität mögen die Játekok an Anton Webern gemahnen; doch huldigen sie weniger dem konstruktiven Geist, sie lösen sich eher in Leichtigkeit auf, manchmal auch in liebevoller Ironie. In der Konzentration auf kleine Formen fand Kurtág einst den Ausweg aus einer existenziellen Schaffenskrise. Auch darin stehen die Játekok paradigmatisch für sein Œuvre.

In vielen Konzerten hat er sie, meist gemeinsam mit seiner Frau Márta, selbst aufgeführt – immer am Pianino, niemals am Konzertflügel. Und auch, als die beiden vor zwei Jahren in Wien Abschied von der Bühne nahmen, taten sie dies mit einer Auswahl der Játekok. Auf Gábor Csalogs aktueller Einspielung – eine der wenigen, die überhaupt erhältlich sind – gibt es nun ein Wiederhören, denn György und Márta Kurtág haben sich bei sechs der insgesamt 52 Játekok noch einmal ans Klavier gesetzt. Was für eine Auszeichnung für den Interpreten Csálog!

György Kurtág: Játekok, Vol. II

Gábor Csalog, Márta und György Kurtág (Klavier) BMC CD 139