"Heißärr Sand und ein värrlorränes Land und ein Leeeben in Gefaaahrr" versprach mir Mina 1962 auf Radio Luxemburg. Da war ich vier, und wahrscheinlich bezog sie sich auf die Schäden, die ich später wegen zu häufiger Beschallung mit James Last davontrug. Während der Partys meiner Eltern suchte ich Schutz vor dem Fernseher bei Filmen mit Musik von Henry Mancini, Bernard Herrman und Georges Delerue. 1971 kam ich aufs Internat, samstagabends gab’s im Clubhaus Disko. Während die anderen spastisch zu Deep Purple und Black Sabbath zuckten, kämpfte ich für Soul, meine Aversion gegen Rock war so radikal, dass ich sogar die Stones erst mit Mitte zwanzig zur Kenntnis nahm.

Mit achtzehn ging ich nach Hamburg auf die Schauspielschule und zog bei meinem Freund ein, direkt über Deutschlands bestem Musikclub, Peter Marxens Onkel Pös Carnegie Hall. Der Freund stellte in der Wohnung seine Jimi-Hendrix-Fotos aus, häufiger als potenzielle Käufer erschienen allerdings die Musiker, die vor dem Auftritt einen gepflegten Joint zum Aufwärmen suchten. Sobald es unten losging, wankten oben bei uns die Plattenregale; spätestens zum zweiten Set gingen wir runter, tranken Pineau und kifften, bis sich die Schädeldecke hob. Wenn die Band einpackte, machten wir bis zum Morgengrauen mit Wilson Pickett, Aretha und Curtis Mayfield weiter, Peter malträtierte dazu die Lichtorgel. Das ging an die Kondition. Ich schmiss die Schauspielschule und erlebte weiter jede Nacht das Beste vom Besten, von Albert Mangelsdorff bis Dizzy Gillespie, dazu grinste ich. Das tue ich immer noch, wenn mich Musik mitreißt, es ist diese Mischung aus Glück und Schmerz, die mir die Mundwinkel auseinanderzieht.

Zwei Jahre währte der Traum; aus dieser Zeit, die 1979 mit dem Verkauf des Pös zu Ende ging, ist mir eine eklektische Plattensammlung geblieben und die Liebe zu zwei Sängerinnen, die ich leider nie live erlebt habe: Annie Ross und Anita O’Day, Free Spirits, verrückt, virtuos… So wollte ich sein! Bei einem meiner späteren Filme schnitt ich eine Sequenz auf Bette Middlers Version von Ross’ durchgeknalltem Song Twisted, bekam die Rechte nicht und hatte zwei Wochen im Schneideraum vergeudet. Dann machst du das jetzt selber, befahl meine Cutterin erbarmungslos, ich schneid das nicht noch mal! Zitternd ging ich ins Studio, betrank mich und legte los: My analyst told me that I was right out of my head… Der Song hat’s überlebt, und den Text beherrsche ich noch, wenn man mich aus dem Tiefschlaf reißt. Die Inspiration zu meinem ersten Film aber schulde ich Anitas unbekümmertem No Soap, no Hope Blues von der LP The Lady is a Tramp. Jahre später gab mir Bert Stern ein Videotape seines Jazz on a Summer’s Day. 1958, Newport Jazz Festival. Man muss das gesehen haben: Auftritt O’Day, high as a kite, federbesetzter Hut, weiße Handschuhe, Sweeeet Georgia Brow-own…, den Rhythmus verschleppend, lockt sie, rau, spöttisch, es ist, als führten die Töne ein Eigenleben in ihrer Kehle, die singt nicht, dachte ich, die lacht Musik! Ich grinste und grinste. Ach ja, und ganz am Ende noch ein Auftritt: Mahalia Jackson singt zwei Gospels, und dann, als das Publikum sie nicht gehen lassen will, einfach nur das Vaterunser. Das ist so großartig, dass man nicht darüber schreiben kann, nur weinen.

Anita O’Day: The Lady Is A Tramp (Verve)

Die Filmregisseurin und Autorin Pia Frankenberg, 51, stammt aus Köln; sie lebt seit 1995 in New York