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Unruhige Zeiten waren das, damals, 1919 in München, nach Weltkrieg und Revolution. Im Dezember hatte ein sehr merkwürdiger Film Premiere, der nicht nur die Literaten, sondern auch Arbeiterkinder ins Kino zog. Sein Regisseur Robert Reinert war kein ganz Unbekannter. Geboren 1872 in Wien, gestorben 1928 in Berlin, hat er als Autor, Regisseur und Produzent jene Mischung aus Kolportage, Mystizismus, Sensation und Größenwahn gepflegt, die das deutsche Kino damals prägte. Nerven behandelt, vereinfacht gesagt, den Krieg und seine Folgen, als paranoiden Schub im Leben einiger archetypischer Zeitgenossen: ein Fabrikant zwischen Fortschrittsglauben und Kriegstrauma, seine Schwester, die gegen die soziale Ungerechtigkeit zum bewaffneten Kampf aufruft, ein Lehrer, der um Reform und Versöhnung wirbt. Alle drei, die konservative, die reformerische und die revolutionäre Antwort auf das Chaos, sind zum Scheitern verurteilt. Diese Wesen jedenfalls bewegen sich in Reinerts Film stets in der Blickachse des Zuschauers. Sie springen ihn an, starren, sind eher Spiegel als Masken. Man fühlt sich weniger in eine Handlung hineingezogen als von Blicken und Zeichen durchbohrt. Nerven führt ins Zentrum der kollektiven Psychose. Damals schrieb die Zeitung Der Kinematograph : "In bildhafter, greifbarer plastischer Deutlichkeit zeigt uns Reinert all das Krankhafte und Verzerrte, das wir als Erbe des Krieges mit uns herumtragen." Die Sehnsucht nach "Gesundung" durchzieht diese Phantasmagorie zwischen einer teutonischen Pulp Fiction und eisernem Kunstwillen. Sie wurde auf die allerschlimmste Art erfüllt. Georg Seeßlen

Robert Reinert: Nerven (1919)

Edition Filmmuseum/Alive

Foto:Edition filmmuseum