Die Schweiz ist über die Welt gekommen, als Schokolade, als Taschenmesser, vor allem aber als Architektur. Egal ob das neue Fußballstadion in München oder die Elbphilharmonie in Hamburg, ob Kirchen, Schulen oder Badeanstalten – viele der schönsten Gebäude der Gegenwart sind von Schweizer Architektenhand, von Peter Zumthor zum Beispiel, von Mario Botta, Max Dudler, Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

Ist die Schweiz also das gelobte Land der Baukultur? Jahr für Jahr ziehen Tausende von Architekturtouristen nach Graubünden, nach Vals oder Basel, denn hier scheint die Welt noch so wunderbar geradlinig zu sein, so redlich und traditionsbewusst. Hier hält man nichts von modischem Schnickschnack, hier baut man auf Ruhe, Sorgfalt, Notwendigkeit. Oder anders gesagt: In der Architektur ist die Schweiz und in der Schweiz ist die Architektur zu Hause.

Nur leider ist das nicht die ganze Wirklichkeit. Zwar eignen sich die Lärchenholz- und Betonwände von Zumthor, Botta, Dudler & Co. wunderbar als Projektionsfläche für unsere Träume vom besseren Bauen. Doch müssen die vielen Tausend Architekturtouristen ihre Augen schon sehr fest zukneifen, um nicht jene ganz andere Schweiz zu sehen, eine Schweiz der architektonisch verlotterten Dörfer, der zersiedelten Landschaften und seelenlosen Wohnquartiere.

Längst ist das gelobte Land der Baukultur unter Autotrassen und Gewerbeparks begraben. Und doch, ein paar Gründe fürs Weiterträumen gibt es trotzdem. Denn so trübe die architektonischen Aussichten auch oft sind – noch immer gelingt den Schweizern vieles, was uns Deutschen so gut wie nie gelingt. Während sich hierzulande Tradition und Moderne noch immer als Erzfeinde gegenüberstehen, finden sie dort nicht selten zu spannungsvoller Einheit zusammen.

Manchmal verbündet sich sogar das Calvinistische mit dem Spielerischen, manchmal vereint sich das Ausgereifte mit dem Experimentellen. Und manchmal gelingt eine Schönheit, die man paradox nennen könnte. Manche sagen auch Schweiz dazu. Hanno Rauterberg

Hanno Rauterberg ist ZEIT-Redakteur