Die Bankiers in Zürich und Genf erzählen es immer noch gern: Das Bankgeheimnis sei 1934 beschlossen worden, um Verfolgte vor den Nazis zu schützen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Schweiz reagierte mit dem Gesetz auf Übergriffe verschiedener Staaten, so von Deutschland, aber auch von Frankreich. Denn die chronisch klammen Nachbarländer entsandten in den dreißiger Jahren Spione in die Schweiz, um Bankangestellte zu bestechen und nach Steuerflüchtlingen oder Devisensündern auszuhorchen – ein Zustand, den das Parlament in Bern nicht hinnehmen wollte.

Heute gilt das schweizerische Bankgeheimnis in Deutschland bloß noch als zwielichtiges Schlupfloch für Steuersünder. Doch dies greift ebenfalls zu kurz. Das eidgenössische Bankgeheimnis ist ein Datenschutzgesetz – auch dies zeigt seine Entstehungsgeschichte –, es verteidigt eine finanzielle Intimsphäre. Die Schweizer empfinden es als ebenso natürlich wie das Arzt-, Anwalts-, Brief- oder Beichtgeheimnis, in Umfragen stimmen ihm regelmäßig 80 Prozent der Bewohner zu: Sie werten den Schutz der Privatsphäre höher als das Interesse des Staates auf vollständige fiskalische Abschöpfung. Analog gilt Steuerhinterziehung nach helvetischem Recht lediglich als Vergehen, etwa wie eine Verkehrsübertretung: Undenkbar, dass sie (wie in Deutschland) als Strafdelikt vom Kaliber eines Raubüberfalls behandelt würde. Undenkbar auch, dass dem helvetischen Fiskus (wie dem deutschen) direkter Zugriff auf die Kontostammdaten der Bankkunden gestattet würde. Völlig undenkbar, dass der Geheimdienst (wie der BND) die Erlaubnis bekäme, einen Banker zu bestechen, um an eine gestohlene Kundenliste zu kommen.

So verkörpert das Bankgeheimnis eine Staatsauffassung: Der Bürger ist nicht Untertan, der Staat nicht Obrigkeit, Kontrolle ist gut, Vertrauen besser. Das funktioniert. Dies ist die wichtigste Lektion, die sich aus dem umstrittenen Paragrafen ziehen ließe. Im Land des Bankgeheimnisses wird weniger hinterzogen als in Deutschland, auch dies zeigen diverse Erhebungen. Die Steuerverwaltung in Bern kann sich mit 20 Fahndern bescheiden, das genügt. Zur helvetischen Basisdemokratie gehört eben auch, dass die wichtigsten Abgaben auf Kommunal- und Kantonsebene erhoben werden, festgelegt vom Volk, besiegelt an der Urne, nachvollziehbar für alle. Dies schafft Einverständnis. Und es trimmt die Politiker auf Sparsamkeit.

Wie sehr der Finanzplatz vom Bankgeheimnis profitiert, ist eine andere Frage. Erst versteckten Tausende Kunden aus ganz Europa ihr Geld in der Schweiz, dann führte die Schweiz das Bankgeheimnis ein – nicht umgekehrt. Dass das Alpenland zum Tresor der Welt wurde, muss also diverse Ursachen haben: die stabile Währung, die politische Unerschütterlichkeit, die zentrale Lage, die Solidität der Banken, die niedrige Inflation. Und das Bankgeheimnis? Das auch. Indem es zu einem der berühmtesten Gesetze der Welt wurde, thematisiert in der Akte Odessa oder im Da Vinci Code , verkündete es die Botschaft: Die swiss banks sind Bastionen. Diskret, verschwiegen.

Weshalb niemand weiß, was Artikel 47 des Bankengesetzes der Schweiz wirklich bringt. Rund 1900 Milliarden ausländische Euro lagern in den Bankhäusern von Genf, Zürich oder Lugano, rund 600 Milliarden davon gehören Privatkunden, ein Teil wird Schwarzgeld sein, verschanzt hinter dem Bankgeheimnis – wie viel, muss offenbleiben. Ralph Pöhner

Ralph Pöhner ist Journalist in Zürich