Womit beginnen? Mit Bernhard Bueb, der die Schweiz um den nicht existierenden Beamtenstatus ihrer Lehrer beneidet? Ja, Schweizer Schulleitungen können unfähige Lehrer entlassen. Es gibt allerdings Wichtigeres, was die Deutschen den Schweizern abgucken könnten. Natürlich hat auch die Schweiz ihren Stress mit den heimischen Schulen. Aber bei Weitem nicht jenen Turbostress wie Deutschland. Das dürfte auch daran liegen, dass die Schweiz seit Jahrzehnten mit Erfolg praktiziert, was nun auch Hamburg mit guten Gründen versucht: Sie selektiert erst nach sechs Primarschuljahren – ohne dass ihre Abiturienten deshalb weniger leistungsfähig wären als die deutschen. Im Gegenteil: Nimmt man Pisa als Maß, liegen die Schweizer Schüler meistens vor den deutschen.

Die absurd frühe schulische Separation in Deutschland setzt Eltern, Lehrkräfte und insbesondere die Kinder unter kontraproduktiven Druck. Es ist ein System, das in erster Linie Verlierer produziert, insbesondere die Jungen, denn die liegen im Alter von zehn Jahren in ihrer Entwicklung um eineinhalb Jahre hinter den Mädchen zurück. Das Nachsehen haben in Deutschland aber auch all jene, die, was die Bildung angeht, bereits als Zehnjährige aufs Abstellgleis geschoben werden: die Hauptschüler. Je mehr sie vom Arbeitsmarkt abgehängt bleiben, umso teurer kommen die Hauptschulabgänger den Sozialstaat zu stehen.

Zweiter Grund für den selbst verordneten Superstress: Die deutsche Schule ist noch immer mehrheitlich eine Halbtagsschule. Das übervolle Programm muss bis Mittag in die Köpfe rein. Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Schweizer Schulen, die ihren Unterricht seit eh und je und mit Erfolg auf Vormittag und Nachmittag verteilten, was den Kindern weit besser bekommt.

Die wohl wertvollste Säule in der Schweizer Bildungslandschaft bleibt nebst den High-End-ETHs (siehe Artikel diese Seite oben) allerdings ihr duales Bildungssystem, dieses ausgeklügelte Ineinandergreifen von betrieblicher Berufslehre und staatlicher Berufsschule. Damit lässt sich auf internationalen Bildungskongressen zwar nicht auftrumpfen wie mit Abiturquoten von 70 Prozent (Finnland) oder wenigstens 38 Prozent wie in Deutschland.

Und doch dürfte gerade darin einer der entscheidenden Gründe liegen, warum die Schweiz die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa hat – trotz einer gymnasialen Abiturquote von nur 19 Prozent.

Im Unterschied zum deutschen Zuständigkeitschaos hat die Schweiz eine zentrale Qualitätssteuerung in der Berufsbildung etabliert, die sich gleichwohl stark an den Bedürfnissen der Betriebe orientiert. Martin Beglinger

Martin Beglinger ist Redakteur beim "Magazin" des Zürcher "Tages-Anzeigers"