Im deutschen Fernsehen reden die meisten Moderatoren so, als müssten sie gegen einen schweren Sandsturm anarbeiten. Jenseits des Sandsturms, sicher geborgen in den sturmfreien Wohnzimmern, sitzen die Fernsehzuschauer, denen der Moderator aus den Katastrophengebieten seine Mitteilungen entgegenbellt. Das Dauergeschrei im deutschen Fernsehen erinnert mich immer an meine Großmutter, die grundsätzlich beim Telefonieren schrie, besonders laut schrie sie bei Ferngesprächen, weil ihr der Gesprächsteilnehmer in diesem Fall besonders weit entfernt und nur durch vermehrten Stimmeinsatz zu erreichen schien.

Dieser unsichtbare und in Wahrheit nur in der Seele der Fernsehmoderatoren wütende Sandsturm, der aus den deutschen Fernsehsesseln Oasen im Notstandsgebiet macht, hat die Schweiz noch nicht erreicht. Das ist für uns Deutsche, wenn wir das allabendliche Normalgebrüll und den auch gern ins Spaßige herüberschwappenden Alarmton des deutschen Fernsehens noch im Kopf haben und derartig abgehärtet und bis tief ins Mittelohr hinein versehrt in die Schweiz reisen, gelinde gesagt ein gewisses Handicap. Es genügt, im durchschnittlichen deutschen Schritttempo ein Zürcher Café zu betreten und in der durchschnittlichen deutschen Fernsehlautstärke nach dem Weg zu fragen, um nichts als betroffenes Schweigen zu ernten, die Stille in der Mitte des Sandsturms.

So kam ich, nachdem ich fünfundzwanzig Jahre lang in der einen oder anderen Sendung des deutschen Fernsehens mitzuschreien die Ehre hatte, eines Tages in die Schweiz und ins Schweizer Fernsehen. Die eingeübte Gewohnheit, die Zunge als Waffe und die Stimmbänder als Argumentverstärker zu verwenden, prallte hier gegen eine freundliche Mauer höflichen Unverständnisses. Denn der Schweizer spricht, auch wenn er im Fernsehen spricht, anders als der deutsche Fernsehmitarbeiter nicht für seine Legionen draußen in den Notunterkünften. Er scheint auch nicht von der Gewissheit beseelt zu sein, dass er umso glaubwürdiger ist, je länger er redet und je häufiger er seinem Nebenschreier das Gebrüll abschneidet. Sehr dankbar war ich meinen Schweizer Kollegen für den mit großer Sanftmut vorgebrachten Hinweis, dass die Fernsehapparate sich ja in der Regel nur wenige Meter vom Zuschauer entfernt befänden, sodass jegliches Geschrei allein aus raumtechnischen Gründen ganz überflüssig sei.

Mit dem Gebrüll, und das ist die wunderbare Nebenwirkung des beneidenswert entspannten schweizerischen Gesprächstils, verschwindet auch die beklommene Fröhlichkeit, die so viele deutsche Talksendungen prägt und den zweifelhaften Frohsinn einer Militärkapelle verbreitet. Das Tempo im nicht geschrienen Gespräch ist langsamer; der Gesprächsverlauf, weniger stubenappellmäßig überwacht, bietet Freiräume; die Stimme ist entlastet und kann ihre Skala zwischen Zärtlichkeit, Ironie, Pathos und Entrüstung auskosten; die Hände, befreit vom allzu häufigen Zeigefingereinsatz, dürfen ihrer natürlichen Bestimmung, der freien Gebärdensprache, nachkommen. Das in etwa sind die groben Unterschiede zwischen den deutschen und den Schweizer Fernsehverhältnissen. Natürlich ist in der Schweiz nicht alles besser. Aber immerhin ein bisschen leiser. Iris Radisch

Iris Radisch ist ZEIT-Redakteurin und seit 2006 Moderatorin des "Literaturclubs" im Schweizer Fernsehen