Die Alpenschule

Wo ein Berg ist, geht man rauf und auf der anderen Seite wieder runter. So wie damals Hannibal und dann die Säumer, die auf Saumpfaden die Alpen querten. Man kann aber auch mitten durch den Berg. So wie die Schweizer es heute zu tun pflegen.

Wer mitten hindurch will, muss langfristig denken und viel Geld und viel Zeit investieren. Angeführt vom Bankier und Zürcher Regierungspräsidenten Alfred Escher wagten die Schweizer ihr erstes großes Bauwerk dieser Art schon 1882 und gruben sich durch den Gotthard, natürlich mit ausländischer Hilfe, ausländischen Opfern vor allem. Von den 177 Menschen, die beim Bau der Röhre starben, waren die meisten Italiener. Die Sache geriet damals zum finanziellen Debakel, aber am Ende – und bis heute – zahlt sich das Wagnis aus. Noch heute rasen viele Güter durch den Eisenbahntunnel. 1980 kam ein weiterer hinzu, der 17 Kilometer lange Gotthard-Straßentunnel.

Man kann den Schweizer Staat als internationales Konsortium verstehen

Seit 15 Jahren sprengen sie erneut am Gotthard herum. Drückt der Horizont gegen die Stirn, dann macht der Schweizer also ein Loch. Man denkt, zumal als Auswärtiger, beim Wort Gotthard schon gar nicht mehr an den Bergklotz darüber. Der neueste Tunnel wird 57 Kilometer lang – der längste der Welt. Von 2017 an werden, wenn alles gut geht, die Europäer ihre Güter mit Hochgeschwindigkeit im Erdgeschoss des Kontinents durch unser Land bugsieren, klimafreundlich auf der Schiene. Und wieder werden alle sagen: Das haben die Schweizer richtig gut gemacht.

Zumindest haben sie einiges richtiger gemacht als andere. Wie sonst kann man den hohen Lebensstandard und die Stabilität des Landes erklären? Art des Schweizers ist: sich aus fremden Händeln herauszuhalten, seine Angelegenheiten unter seinesgleichen auszumachen und den Herausforderungen der Welt unaufgeregt zu begegnen (andere meinen: langsam). Der Schweizer hat immer wieder große Sachen angepackt, ist aber nur selten übers Ziel hinausgeschossen. Nur nichts übertreiben, heißt die Devise. Wenn die "Nati" bei der Fußballeuropameisterschaft in der Vorrunde ausscheidet, überklebt der Schweizer den offiziellen EM-Aufkleber an seinem Auto eben mit einem dezenten "Schade". Der Schweizer hat die Gelassenheit, den Pragmatismus in den Genen.

Der Schweizer Erfolg liegt aber nicht nur darin, dass sie gut arbeiten – sondern auch darin, dass sie ebenso gut arbeiten lassen . Es ist eine Art "Beteiligungsmodell". Nicht nur, dass fast alle großen Schweizer Konzerne (Nestlé, ABB, Rolex, Swatch) von Ausländern gegründet wurden. Wie vor hundertdreißig Jahren holen sich die Eidgenossen wieder Hilfe aus dem Ausland: Südafrikas Minenspezialisten fertigten den spektakulären, 800 Meter tiefen Vertikalschacht zum "Zwischenangriff" unterhalb des Dorfes Sedrun. Und wo es horizontal vorangehen muss, fräsen sich die weltbesten Tunnelbohrmaschinen durchs Alpengestein: Ungetüme aus Deutschland.

Ja, man kann den ganzen Staat Schweiz als gut funktionierendes internationales Konsortium verstehen. Das Volk auf den Zinnen Europas sucht sich die besten Hilfsmittel zusammen – und macht dann das Beste daraus. Kommt her! Macht mit! Genauso wie ausländische Arbeiter arbeitet ausländisches Kapital in Schweizer Händen (fast 40 Prozent aller Offshore-Vermögen weltweit wird von Schweizer Banken verwaltet). Auch dank der anderen wird aus helvetischen Möglichkeiten erst Erfolg.

Die Alpenschule

Nein, die Schweiz ist kein Paradies der Wohlanständigkeit. Aber der Schweizer ist nicht blöd. Er ist ein, notfalls bauernschlauer, Kompromissler, der ein gutes Sensorium dafür hat, von wo der Wind weht. Das hat sich zum Beispiel im anpässlerischen Verhalten der Schweizer Militärs gegenüber den Nazis gezeigt. Die Politik konnte gerade noch "den Canossa-Gang in den Arschkanal des Führers" verhindern, wie Thomas Hürlimann in Der Gesandte schrieb. Fragwürdigen Pragmatismus hat die Schweiz auch immer dann gepflegt, wenn Potentaten unrechtmäßig erworbene Millionen vor ihrem eigenen Volk in Sicherheit bringen wollten, etwa Marcos, Mobutu oder Baby Doc Duvalier.

Das Leben hier ist "gschaffig" – und vielleicht gerade deshalb schön

Mit dem wachsenden Wohlstand ist das Auswanderungsland Schweiz in der Nachkriegszeit zum Einwanderungsland geworden. Der Ausländeranteil liegt bei 21 Prozent. In den fünf größten Städten haben 45 Prozent der Kinder einen ausländischen Pass. Leider regt sich da auch in der Schweiz das Ressentiment. Im Moment sind die Deutschen (die mit Abstand aktivsten Einwanderer) in einem besorgniserregenden Popularitätstief. Übergriffe auf die "Schwaben" (im helvetischen Volksmund sind alle Deutschen "Schwaben") sind trotzdem nicht zu erwarten; auch in Phasen angeblicher oder realer Bedrohung reagieren die meisten verhalten. Vielleicht liegt es an den ausländischen Anteilen (auch in den Stammbäumen der Schweizer), dass die Mehrheit immer wieder ihre Zuneigung zum Zuwanderer an der Urne bekräftigt. Und während andere europäische Länder so plebiszitfrei sind, als hätten die Regierenden Angst vor dem eigenen Volk, kann der Schweizer zu fast allem Wichtigen (und Unwichtigen) Ja oder Nein sagen. Und während in Deutschland fast permanent Wahlkampf herrscht, regiert sich die Schweiz mit einer Riesenkoalition aus vier Parteien fast parteilos.

Damit bereitet das Konsortium Schweiz vielen Ländern Kopfzerbrechen. Das Leben im Sieben-Millionen-Einwohner-Staat ist ein "gschaffiges", aber ein attraktives. Deshalb verlieren umliegende Länder ihre qualifizierten Menschen und ihr Geld an die Eidgenossenschaft, allen voran der nördliche Nachbar. Mittlerweile leben 240000 meist gut gebildete Deutsche in der Schweiz, die vielen, die mittlerweile einen Schweizer Pass haben, nicht eingerechnet. Sie kamen und sie kommen, weil es schön ist hier und das Essen gut, weil sogar die Discounter besser sind. Und die Gehälter höher.

Und was macht Deutschland? Schimpft und neidet und lockt die Schweiz ins Große – namentlich: in die EU –, um ihr so die Privilegien zu nehmen. Doch der Schweizer stellt sich in seinem Tunnelblick die jahrhundertealte egoistische Frage: Und was bringt mir das?

Peer Teuwsen, gebürtiger Deutscher, ist Schweiz-Korrespondent der ZEIT; Urs Willmann, in der Schweiz geboren, ist ZEIT-Redakteur in Hamburg