Die Winter sind länger in der Schweiz, die Täler enger, und Hundertschaften gibt es davon. Gegen die topografische Isolationshaft hat der Schweizer ein Kontrastprogramm gefunden: Er spielt Theater oder geht ins Kino. Wo die Filme nicht, wie in Deutschland, synchronisiert laufen. Hier kennt man den Brauch der Untertitel. John Wayne spricht wie John Wayne. Er klingt nicht wie Robert Mitchum und Kirk Douglas und Richard Widmark und Charles Bronson. Und eigentlich wie ihr deutscher Synchronsprecher Arnold Marquis.

Doch lieber noch als er im Kino sitzt, spielt der Schweizer Theater. Jeder Gemeindepräsident, der wiedergewählt werden will, unterstützt seinen Dorfverein, Theater als Gesellschaftsspiel, die kirchlichen Rituale und Prozessionen als Vorlage. In der noch immer von echten Benediktinern bewohnten Barockabtei in Einsiedeln führen unter Akklamation Zehntausender jedes Jahr ein paar Hundert Laien Calderóns Großes Welttheater auf, von Denkern und Dichtern wie Thomas Hürlimann fit gemacht für die Postmoderne.

Und diese Tradition ist alt. Die Spielleute der Theatergesellschaft Altdorf zum Beispiel spielen Schillers Tell bereits seit 1899. Die Stückwahl liegt geografisch nahe, mythologisch dringlich ist sie gewiss, doch originell heißt anderes. Jung geschminkt wird der alte Brauch, indem man für die Regie einen wie Volker Hesse verpflichtet, einen sinnesfreudigen Deutschen aus dem Moselgebiet. Man lebt zwar in der inneren Schweiz, doch die innere Mongolei ist das nicht mehr. Auch ein Urner ist im Herzen Europäer, und sein Tell muss sich schon mal einer kritischen Gesinnungsprüfung unterziehen.

Nirgendwo in Europa existieren so viele Laienspielgruppen wie in der Schweiz. Sechshundert Theatervereine gibt es im ganzen Land, jeder hundertste Schweizer ist Mitglied, und allein die fünf größten Freilichttheater im Kanton Bern zählen im Juli und August mehr Besucher als das Berner Stadttheater im ganzen Jahr. Schweizer zu sein heißt, die regionale Privatinitiative der national-staatlichen vorzuziehen. Und auch weil man die Miniatur besonders liebt, die von Robert Walser genial betriebene Verzwergung, besitzt das Land eine Kleinkunstszene, die dichter ist als überall sonst. Ihr bekanntester Sohn ist Christoph Marthaler, der seine Ideen im kleinkünstlerischen Musikermilieu ausgebrütet hatte, bevor ihn die Welt für sich entdeckte.

Selbstverständlich ist die Schweizer Kleinkunstszene tipptopp organisiert. Dass dafür ursprünglich des Deutschen liebster Emil zuständig war, ist nicht öffentlich bekannt. Doch umso richtiger ist es. Emil Steinberger gründete in den sechziger Jahren den Verein mit, der sich noch heute für die eidgenössische Kleinkunstszene starkmacht. Dieser veranstaltet jedes Jahr eine Künstlerbörse, die älter ist als die erste deutsche und wo, es ist Legende, der frühe Harald Schmidt entdeckt wurde. Kein Wunder: Der Schweiz erfolgreichster Botschafter in Deutschland stammte lange aus den Reihen der Kleinkunst – Emil, der Komiker. Seine Nachahmer in der Politik sind heute Legion.