Ich kann nicht gerade von übertriebenem verkehrspolitischen Lob im eigenen Land berichten, denn Reisende, Pendler, Umweltverbände und Parteien drängen hierzulande unerbittlich darauf, dass die Bahn mehr Verbindungen anbiete, pünktlicher arbeite und dass die Verlagerung des Schwerverkehrs von der Straße auf die Schiene rascher vorankomme. Übertrete ich jedoch die Landesgrenzen, so klopfen mir meine Ministerkollegen aus der EU anerkennend auf die Schultern, loben die Schweiz für ihre Weitsichtigkeit und rühmen sie als Vorbild nachhaltiger Politik. Der Versuchung, mich in solchem Lob zu sonnen, muss ich aber widerstehen und daran erinnern, dass die konsequente Verkehrspolitik eine Geschichte von mehr als einem Jahrhundert aufweist und dass sie das Resultat langer, politischer Prozesse ist, in denen sich die Stimmbürgerinnen und -bürger immer wieder für die Bahn ausgesprochen haben.

Das leistungsfähige Schienennetz, auf dem wir im Halbstunden- und Stundentakt pünktlich von einer Stadt zur anderen befördert werden, hat mit der Verlagerungspolitik viel zu tun. Zwei Drittel aller Güter werden auf der Schiene durch unser Land transportiert. Die Schweizer Stimmbürger haben immer wieder die für den Ausbau notwendigen Kredite gewährt, weil sie der Eisenbahn seit je in tiefer Liebe verbunden sind.

In unserem Land mit seinen vier offiziellen Sprachen, den vielen Kulturen und den vielen abgelegenen Tälern ist das Schienennetz von enormer politischer, wirtschaftlicher und symbolischer Bedeutung. Es ist eine der wichtigsten Klammern unseres Landes, ein Netz des sozialen Zusammenhalts, ja, Teil unserer nationalen Identität.

Den Grundstein schweizerischer Verlagerungspolitik legten die Stimmbürger 1992 mit ihrem Ja zu zwei neuen Nord-Süd-Verbindungen durch die Alpen. 1994 hießen sie die sogenannte Alpeninitiative gut – gegen den Willen der Regierung. Ihr erschien das konkrete Ziel, das die Anzahl der Lkw vorgab, welche die Alpen passieren dürfen, als unerreichbar, weil ihr die Instrumente nicht zur Verfügung standen. Folgerichtig bewilligten die Schweizer dann jedoch die finanziellen Mittel für die großen Schienenprojekte. Sie sagten auch Ja zur Einführung einer Lastwagenmaut, die abhängig vom Transportgewicht, den Schadstoffemissionen und den gefahrenen Kilometern erhoben wird – und zwar bei in- wie ausländischen Fahrzeugen.

Diese Maut (LSVA, leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe) ist ein zentraler Pfeiler für die Verlagerung, denn mit ihr finanzieren wir zu einem großen Teil die neuen Infrastrukturen. 2007 ging der Lötschberg-Basistunnel in Betrieb. Den Quantensprung für die Verlagerung wird indes der 57 Kilometer lange Gotthardbasistunnel bringen. Er dürfte 2017 fertig gebaut sein.

Die Verlagerungspolitik und die neuen Flachbahnen durch die Alpen unterstreichen auch unsere konstruktive Mitarbeit an Europa. Die EU erhält mit ihnen sichere und leistungsfähige Schienenverbindungen zwischen Mittel- und Südeuropa. Auf diese Achsen ist sie in ihren Bestrebungen angewiesen, den Güterverkehr künftig zu einem beträchtlichen Teil über die Schienen- und Wasserwege abzuwickeln. Folgerichtig ist sie auch daran interessiert, die Bahnverbindungen zwischen Rotterdam und Norditalien auszubauen. So entwickeln die EU und die Schweiz eine gemeinsame nachhaltige Strategie, um das prognostizierte Güterverkehrswachstum von bis zu 50 Prozent in den nächsten Jahrzehnten bewältigen zu können. Wenn uns dies nicht gelingt, drohen der Verkehrskollaps auf den Straßen und immense volkswirtschaftliche Kosten.

Die schweizerische Verlagerungspolitik bewegt sich in diesem internationalen Kontext und bleibt unvollendet, wenn nicht auch in den EU-Ländern eine angemessene Lkw-Maut erhoben wird. Diese ist nötig, damit der Schwerverkehr nicht nur auf den 300 Kilometern durch unser Land, sondern durch ganz Europa zu einem guten Teil auf der Schiene abgewickelt wird. Deutschland und Österreich haben bereits eine Maut eingeführt, wenn auch eine geringe, die zur effektiven Verlagerung noch kaum genügt. Es ist zu hoffen, dass möglichst viele andere EU-Länder dem Prinzip folgen werden.