Es gibt Tage, da fällt es wirklich schwer, die Zweifel an der makroökonomischen Kompetenz der Bundesregierung beiseitezuschieben. Nun wirbt also Kanzlerin Angela Merkel für einen weltweiten Stabilitäts- und Wachstumspakt, "damit wir nicht weiter über unsere Verhältnisse leben". Wir erinnern uns: Der europäische Stabilitätspakt begrenzt das Staatsdefizit auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

In den vergangenen Jahren lief einiges schief in der Weltwirtschaft und insbesondere in den USA. Doch zu hohe Staatsschulden waren sicher nicht das Hauptproblem. In den Jahren der größten Exzesse, 2006 und 2007, lag das amerikanische Staatsdefizit deutlich unter der magischen Drei-Prozent-Marke.

Dabei ist die Intuition der Bundeskanzlerin ja richtig: Die übermäßige Verschuldung der USA ist eine Ursache der Krise. Nur sind die Treiber in diesem Fall nicht staatliche, sondern private Schulden – vor allem die der Haushalte.

Die entscheidende Variable in der Gleichung der Weltwirtschaftslage ist nicht die Staatsbilanz, sondern die Leistungsbilanz, die den grenzüberschreitenden Wirtschaftsverkehr misst. Darüber nachzudenken, auf welche Weise Defizite in der Leistungsbilanz wie in den USA künftig verhindert werden können, ist wichtig und richtig. Dabei spielen Wechselkurse eine Rolle, ebenso wie Zinsen, Löhne und Regeln für den Kapitalverkehr. Das will die Kanzlerin aber nicht thematisieren, deshalb stürzt sie sich auf die Staatsverschuldung.

Der Fall Spanien zeigt, wie absurd das ist. Das Land hatte 2007 einen Haushaltsüberschuss von 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und ein Leistungsbilanzdefizit von mehr als zehn Prozent.

Natürlich kann der Staat außenwirtschaftliche Ungleichgewichte verschärfen, wenn er hemmungslos Schulden macht. Aber fast immer hat ein Loch in der Außenbilanz andere Ursachen. Wahrscheinlich haben die starren Regeln des Pakts die Übertreibungen sogar verstärkt. Aus Angst die Drei-Prozent-Grenze abermals zu reißen, sparte die deutsche Regierung, statt die Binnennachfrage anzukurbeln. Die Amerikaner hatten so weniger Exportchancen in Übersee – ihnen blieb nichts anderes übrig, als den Konsum anzutreiben und sich weiter zu verschulden.

Die Weltwirtschaft wäre wahrscheinlich in einem noch viel schlechteren Zustand, als sie es ohnehin schon ist, wenn das Korsett des Stabilitätspakts für alle Länder gelten würde. Mark Schieritz