DIE ZEIT: Herr Menke, Herr Pollmann – im Januar wird sich Radovan Karadžić vor dem UN-Jugoslawien-Tribunal für seine Taten verantworten müssen. Man kann darauf wetten, dass einige Politiker und Schriftsteller protestieren werden: Karadžić dürfe nur nach serbischem Recht verurteilt werden – und nicht nach importierten Prinzipien der Menschenrechte.

CHRISTOPH MENKE: Natürlich wäre es besser, die Serben wären selbst in der Lage, Karadžić angemessen zu verurteilen. Allerdings, die Standards für Völkermord gelten überall, sie sind universal. Es wäre absurd, anzunehmen, die Serben hätten in dieser Frage andere Vorstellungen. Auch dort sind Völkermord und Vergewaltigung schwerste Verbrechen.

ARND POLLMANN: Wer gegen das Verfahren protestiert, sollte bedenken: Im Chor der Opfer gibt es keine Dissonanzen. Es ist egal, ob man von einem serbischen Soldaten oder einem SS-Offizier massakriert wird.

ZEIT: Eine andere Kritik an einer Politik der Menschenrechte lautet: Nationalstaaten kennen keine Moral, sie kennen nur ihre ureigenen Interessen.

MENKE: Das behaupten leider auch einige Autoren in der ZEIT . Wer sagt, dass Interessen das Einzige sind, wofür Nationen auf der Welt sind, sollte jedoch erst einmal seine politische Theorie erläutern. Nationen sind keine Vereinigungen zur Interessenvertretung. Und Demokratien keine Aktiengesellschaften.

ZEIT: Es gibt den viel zitierten Verdacht: "Wer Menschenrechte sagt, der will betrügen."

POLLMANN: Wen haben Sie da vor Augen? Die Bush-Regierung? Im Einzelfall ist das oft richtig. Aber als generelle Unterstellung ist der Satz zynisch.