Man hat Elfriede Jelinek häufig vorgeworfen, sie beziehe ihre Weltsicht aus zweiter Hand, aus den Medien. Sie hat das nie bestritten und lediglich erwidert, dass es bei ihren Kritikern nicht wesentlich anders sei. Unser Wissen über die Welt und die Vergangenheit haben wir zum allergeringsten Teil aus eigener Anschauung. Der Botenbericht ist seit seiner Erfindung auf dem antiken Theater keineswegs aus der Mode gekommen, im Gegenteil: Nimmt man Journalismus, Kolportage und Geschichtswissenschaften als Sonderdisziplinen hinzu, ist er heute die am meisten verbreitete Form der Informationsvermittlung.

In Jelineks neuem, für die Münchner Kammerspiele geschriebenen Stück Rechnitz (Der Würgeengel) sprechen ausschließlich Boten über historische Ereignisse, die auch nach über 60 Jahren nicht restlos zu klären sind. Fest steht, dass in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 auf Schloss Rechnitz im Burgenland nahe der ungarischen Grenze 180 jüdisch-ungarische Zwangsarbeiter auf bestialische Weise umgebracht wurden und zwar von den angetrunkenen Gästen eines Gefolgschaftsfests, der örtlichen Naziprominenz und ihren Getreuen. Aber war es ein geplanter Mord oder eine spontane Laune der Partygesellschaft, die ausgemergelten Männer zur Jagd freizugeben? Schließlich stand die Rote Armee nur 15 Kilometer entfernt, letzte Gelegenheit also, um im Angesicht des bevorstehenden Zusammenbruchs noch einmal die Herrenmenschensau rauszulassen. Gegen Mitternacht teilte Franz Podezin, NSDAP-Ortsgruppenleiter und Geliebter der schönen Gastgeberin Gräfin Margit Batthyány-Thyssen, an ein Dutzend Festgäste Waffen aus mit der Aufforderung, sich an der Liquidierung der Juden zu beteiligen. Drei Stunden dauerte es, bis man die wehrlosen Opfer zu Tode geprügelt oder erschossen hatte. Dorfbewohner erinnern sich noch heute an die Schreie der Sterbenden. Fünf Tage später waren die Russen da, und das Schloss ging in Flammen auf.

Bis heute hat man die Gräber trotz intensiver Suche nicht gefunden und die Schuldigen kaum oder gar nicht bestraft. Stattdessen wurden zwei Zeugen ermordet, ehe sie aussagen konnten. Die Gräfin, Enkelin des Stahlbarons August Thyssen und Schwester des Kunstsammlers Hans Heinrich "Heini" Thyssen-Bornemisza, setzte sich mit ihrem Mann in die Schweiz ab, wo sie Pferde züchtete und 1989 starb. Über ihre Beteiligung an der Tat lässt sich nur spekulieren, von billigendem Mitwissen kann aber ausgegangen werden. Schließlich ermöglichte sie auch Podezin die Flucht, der bis 1963 unbehelligt in Kiel lebte und später – wieder mit Hilfe der Batthyány – in Südafrika untertauchte. Dass ein Mitglied des Thyssen-Clans eine zwielichtig-zentrale Rolle bei dem Verbrechen spielt, trägt zum Sensationswert der Geschichte bei, die bis heute für Schlagzeilen gut ist, zuletzt im Jahr 2007, als der von Heini Thyssen beauftragte Autor der Familien-Chronik, David R. L. Litchfield, die Story von der "Gastgeberin der Hölle" in die Presse brachte.

"Die Juden haben eine Klagemauer, wir haben eine Schweigemauer", sagt ein Bewohner von Rechnitz in Eduard Ernes Film Totschweigen aus dem Jahr 1994, der eine vergebliche Suchexpeditionen nach den Gräbern dokumentiert. Jelinek begegnet dieser Mauer des Schweigens mit einem 100 Seiten starken, nach bewährter Manier wild assoziierenden Textschwall, aus dem Jossi Wieler für die Kammerspiele eine zweistündige Spielfassung herausgeschält hat. Was Jelinek hier unternimmt, ist keine Vergangenheitsbewältigung, kein Aufarbeitungskommando zur Klärung einer Gräueltat, sondern die Aufdeckung eines Dilemmas, bedeutet doch jeder Versuch von Bewältigung auch eine Form von Gewalt.

In Abendkleidung und beschwingter Partylaune betreten die fünf großartigen Schauspieler – Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und Hildegard Schmahl – die Bühne, ins Publikum winkend, als säßen dort Bekannte, denen sie mit ihren Geschichten aus der Vergangenheit zu Leibe rücken wollen, es gibt ja so viel zu erzählen… Wenn sie einmal still sind, horchen sie, auf rote Klappsitze gefläzt, amüsiert in die roten Kopfhörer, die Bühnenbildnerin Anja Rabes an den Wänden ihrer holzgetäfelten Vorhölle aufgereiht hat. Sprechen da, unhörbar für die Zuschauer, Stimmen aus dem Jenseits, oder ist es nur "unsere tägliche Sendung von der Banalität des Bösen", der man andächtig folgt, um dann alles brühwarm weiterzuerzählen?

Meisterhaft haben diese Boten ihr professionelles Unbeteiligtsein verinnerlicht. Zu den Klängen des Freischütz – einen Teufelspakt hat hier jeder unterschrieben – und beim Genuss gebratener Hühnerschenkel kultivieren sie eine erbarmungslose Heiterkeit. Während Hildegard Schmahl als glamouröse Dragonerlady eine starke Schulter sucht und von Hans Kremer aasig umgarnt wird, spreizt Katja Bürkle als fröhliches Flittchen einladend die Beine. Dazu spricht André Jung über "die kognitive Distanz zu dieser Zeit der Extreme", die man nicht "im Casino des Denkens aufs Spiel setzten solle". Als Reminiszenz an die Exzesse der Eingeschlossenen in Buñuels Film Der Würgeengel fallen auch bald die Hüllen, unter denen bei den Herren schon mal ein weibliches Dessous zum Vorschein kommt. Über der Tür, die sich in einen Kleiderschrank öffnet, vollgestopft mit den Pelzen der Opfer, prangt ein Geweih – Trophäe einer Jagd, die ganz anderem Wild gegolten hat.

Mit perfider Grandezza findet das Gespann Jelinek/Wieler hier erneut zu grandioser Komplizenschaft. War Wieler zuletzt bei der Schiller-RAF-Kompilation Ulrike Maria Stuart dem fahlen Pathos der beiden Protagonistinnen erlegen, so gewinnt er hier aus Jelineks verbalen Entgleisungen – "wir würden ganz bestimmt verfolgte Menschen oder ähnliches Gesindel verstecken" – boshaften Witz. Jelinek, selbst eine unermüdliche Überbringerin unerwünschter Botschaften und Meisterin der geschliffenen Kruditäten, würgt und schüttelt die Sprache so lange, bis sie sich schließlich selbst verplappert und die grausigsten Enthüllungen preisgibt.