Eine der ersten fantastischen Geschichten im Nachkriegsdeutschland war ein Plagiat: Die Truhe des Herrn Sinzelius. 1952 bei Heinrich Ellermann erschienen, der damals gerade seinen Kinderbuchverlag in Hamburg gegründet hatte. Der Autor, Nils Stenbock, hat einen Zaubertrick der Britin Edith Nesbit übernommen: Kinder entdecken eine Truhe auf dem Dachboden, und die historischen Kleider führen sie in die Vergangenheit.

Die meisten Verlage mussten sich nach der Währungsreform erst etablieren, auch finanziell, und suchten nach Bekanntem, Bewährtem, möglichst so Altem, dass sie keine Honorare zu zahlen brauchten. Sie griffen also auf Vorkriegsliteratur und damit auf die klassischen Geschichten zwischen Märchen und Fantasie zurück: Collodis Pinocchio; Gockel, Hinkel und Gackeleia von Clemens Brentano, die Märlein von Friedrich Rückert, Tolkiens Kleiner Hobbit oder Doktor Dolittle von Hugh Lofting.

Ganz am Anfang des fantastischen Trends stand Astrid Lindgren mit der Pippi Langstrumpf und dem Märchenkind Mio. Aus den englischen und irischen Zwergenmärchen entwickelte 1955 Mary Norton ihre "Borgmännchen". Aus dem böhmischen Sagenerbe tauchte als im Poetischen ganz eigenständiges Wesen 1957 der Kleine Wassermann von Otfried Preußler auf. 1959 wurden die Narnia-Geschichten wieder aufgelegt – Kinder retten ein Königreich –, und der erste Roman von Edith Nesbit wurde übersetzt, Die Kinder von Arden. Ein Jahr später begann mit Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer die fantastische Karriere von Michael Ende.

Um 1960 spie der erste Drache mit dem grünen Rauch sein Zauberfeuer, der dann immer wieder durch die Kinderliteratur trabt. Pauline Clarke ließ 1965 mit den Zwölf vom Dachboden – den zwölf Holzsoldaten der Brontë-Geschwister – noch einmal eine historische Vergangenheit lebendig werden, während Boy Lornsen 1968 mit Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt die erste fantastische Geschichte für das Maschinenzeitalter schrieb. Sie handelt von einem Roboter, der mit Himbeersaft angetrieben wird, zur Not auch mit Lebertran.

Und dann, mit Christine Nöstlinger und ihrem Gurkenkönig, wird die fantastische Geschichte wieder (wie kurz nach der Währungsreform) ein zauberscharfer Spiegel der Wirklichkeit. Anfang der fünfziger Jahre hatte Günter Spang zum Beispiel im Millionär in der Seifenblase von Flüchtlingskindern erzählt, die noch vor dem Wirtschaftswunder zu wundersamem Reichtum kommen.

In England aber nahm ein Professor in Oxford nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seine Arbeit an der Geschichte vom Hobbit wieder auf, erfand die Mittelerde und das Auenland und den Zauberring. Da ging es ums Ganze, die Welt war zu retten, und dieser Paradigmenwechsel hat seitdem das Genre verändert. 1970 erschien der Herr der Ringe von Mister Tolkien auf Deutsch, und seine Epigonen bevölkern die Literatur mit ganzen galaxienähnlichen Zwischen-, Anders- und Zauberwelten und haben den Begriff Fantasy geprägt.